Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Rückblick

Die im 14. Jahrhundert in zwei zügig betriebenen Abschnitten aufwachsende
Pfarrkirche in Schwäbisch Gmünd stellt unwidersprochen den bedeutendsten
gotischen Sakralbau Niederschwabens dar. Weniger die Maße als vielmehr seine
Gestalt zeichnen den Bau aus und weisen ihm seinen Rang in der mitteleuro-
päischen Architektur und ihrer Geschichte zu. Diese neu formulierte Hallenkirche
löscht jedoch weder die Traditionen der Kathedralgotik noch jene der mona-
stischen Architektur, die gerade den Pfarrkirchenbau der Früh- und Hochgotik
im deutschen Südwesten befruchtet hat. Sie erscheint aber befreit von deren
Regeln mit den formalen Möglichkeiten der Zeit auf ein neues Architekturbild
hin entworfen, das auch im sakralen Bereich der Wirklichkeit und Weltbezogen-
heit Ausdruck verleiht. Dieser deutet sich im Hallenlanghaus von Heiligkreuz an
und verdichtet sich in der Gestalt des Hallenchores. Seine Struktur ist von den
Grenzflächen her entworfen, wo horizontal geschichtete Wände mit vollplastischen
Gliedern den Raum umspannen. Eine konforme Entwicklung nimmt die Architek-
turplastik, die sich am Chor statuarisch gefestigt zeigt und handelnd auftritt.

Hinter diesem Werk und seiner Ideenwelt steht Meister Heinrich, der Stamm-
vater der Pariersippe. Von Köln kommend übernimmt er um 1330 den an der
Westfassade begonnenen Bau von Heiligkreuz. An ihm lassen sich Stationen sei-
nes künstlerischen Werdeganges und seine Intentionen verfolgen. Und von die-
sem Bauplatz aus sind die Parier ausgezogen; damit sind auch die in diesem Werk
manifestierten Ideen und Gestalten auf die großen Bauplätze in Mitteleuropa
getragen worden, wo die Parier um die Mitte und in der zweiten Hälfte des
14. Jahrhunderts den Ton angaben.

Die Geschichte der Gmünder Pfarrkirche und ihrer Ausstattung deckt ein Ge-
flecht kunstgeographischer Beziehungen auf. Gewisse Anlehnungen an Straßbur-
ger Traditionen, die das Vorspiel des ersten Bauabschnittes mitbestimmten, zählen
dabei wenig gegenüber den intensiven Beziehungen zu Köln und Augsburg. Was
Köln anbetrifft, läßt sich die Ausstrahlung der Dom-Architektur, insbesondere je-
doch der hochrangigen Plastik der Chorpfeilerfiguren, der Altarmensa und des
Chorgestühles in seinen Reflexen auch an der Gmünder Pfarrkirche nachweisen.

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