Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Zur Baugeometrie der Kirche

Ein Übungsgegenstand der Bautheoretiker scheint der Freiburger Münsterturm zu
sein. Ihm sind schon die verschiedenartigsten Grundfiguren und Maßverhältnisse
zur Erklärung geometrischer Beziehungen seiner Teile aufgelegt worden. Man
operierte am Freiburger Beispiel mit „Ineinanderschiebung verschiedener Syste-
me", mit dem Goldenen Schnitt, dem Kreis, dem Fünf ort373. Die Gmünder Westfas-
sade bietet dagegen das Beispiel einer eindeutig organisierten Gestalt (Z 6). Der
Giebel zeigt die genaue Figur eines gleichseitigen Dreiecks, dessen Höhe exakt
der Höhe der Westwand bis zur Balustrade entspricht. Die Grundlinie ist dabei
identisch mit dem alten Niveau der Kirche 374. Demnach bediente sich der erste
Gmünder Meister des Systems der Triangulatur. Ihre Linien und Höhen legten
aber nicht nur die äußeren Giebel- und Wandmaße fest. Sie bestimmten auch die
Linien des Westportales, die Höhe des Kaffgesimses und den Standort des mitt-
leren Rundfensters. Diesem Fenster entsprechen weder in Größe, Höhenlage noch
Gewände die beiden äußeren Rundfenster. Sie nehmen auch nicht die Mitte ihrer
Wandflächen ein. Man kann sie mit den Konstruktionslinien der triangulierten
Fassadenfläche nicht in Verbindung bringen. Ihr Standort war vom nachfolgenden
Baumeister Heinrich Parier bestimmt worden. Er setzte vom Kircheninneren ge-
sehen diese Rundfenster völlig ausgewogen in die obere Westwand der Seiten-
schiffe ein. Den günstigen innenräumlichen Aspekt und die Belichtung der Seiten-
schiffe stellte er über die kleine Disharmonie der äußeren Erscheinung.

Man weiß, daß die Parier von den baugeometrischen Verfahren die Quadratur
bevorzugten375. Es ist aber auch nachgewiesen, mit welcher Souveränität Peter
Parier mit den Systemen der Baugeometrie umzugehen wußte. Beim Gewölbe des
Prager Veitsdomes quadrierte er ebenso wie bei der Wenzelskapelle. Am dorti-
gen Südportal jedoch triangulierte er, um Intentionen und bauliche Gegeben-
heiten in Deckung zu bringen376. Daß ein Parier kein Sklave eines bestimmten
Verfahrens war, ist schon am Langhaus des Münsters zu spüren. Zwar triangulierte
Meister Heinrich das Giebeldreieck, das auf die vor ihm schon weit hochgezogene
Wand abzustimmen war. Vielleicht hat er die Höhe des Giebelkreuzes, dessen
Spitze die Höhe des Quadrates über der Balustrade angibt, mit der von ihm be-

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