Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Die Ausstattung der Pfarrkirche um
1800 bis zur Renovierung 1846-1860

1. Stiftsdekan Kratzer und seine Eingriffe in die Ausstattung um 1800

Der letzte Stiftsprobst von Heiligkreuz war Thomas Kratzer625. Schon unter sei-
nem Vorgänger Franz Xaver Dehler, dem Krankheit in seinen letzten Jahren jede
Aktivität nahm, war Kratzer der führende Kopf des Stiftes. Mit einem starken
Willen begabt sparte er einerseits nicht mit kirchendisziplinären Maßnahmen626,
andrerseits bekannte er sich offen zum Josefinismus. Dem aufklärerischen, moder-
nen Zug verlieh er sichtbaren Ausdruck, indem er das Innere der Kirche verän-
derte. Eingeleitet wurde dies mit einer völligen Austünchung. Stiftspfarrer Krat-
zer preist sie in einem „chronologium": Wahres dankgefVL gVt geslnter bVrger
fVr nVn ertelLten FrVDen renovierten DIsen Gottes haVs so herrLICH" (1795)627.
Mit Farbe scheint damals nicht gespart worden zu sein. Die Blattkapitelle „und
anderes" erhielten ein Grün aufgelegt623. Der rückseitig schwarze Choraltar wurde
gelb und auch „der geharnischte Mann hinter dem Chor — Bürgermeister Rauch-
bein — wurde frisch gestrichen" 629. „Die Kirche", so urteilte Dominikus Dehler,
«hat eine Helle, Leichte und Größe erhalten, allein das alte Hohe ist hinweg"6S0.
Man versteht, was der verständige Zeitgenosse meint.

Klassizistische Helligkeit und Kühle sollten einziehen. Die Kontraste zwischen
der farbigen und voluminösen Ausstattung einerseits und der grauen Raumschale
andrerseits sollten gemindert werden. Die Austünchung konnte bei den Intentio-
nen Kratzers nur der Anfang einer durchgreifenden Veränderung des Kircheninne-
ren sein. Die Kirche sollte nicht nur heller, sondern auch freier wirken. Sie sollte
nicht mehr die Gedächtnishalle einer Gemeinde und bestimmter Familien sein,
die ihre Erinnerungsgaben einbrachten, aufstellten und aufhängten. Ein „Tem-
pel" "s1 war gewünscht. Am 24. und 28. Juli 1801 ließ Kratzer „die ganz große,
lästige und sehr breite ganz veralten und verrauchten Altäre in der Pfarrkirche
abbrechen. Er ließ auch hinwegtun alle Votivtafeln . . . Dann ließ er auch an den
2 Säulen bei den mittleren Kirchentüren die zwei steinernen Figuren, den Ecce
homo und St. Sebastian hinweg tun, setzt solche hinter den Chor632... Etwas später
hat er auch den schönen und prächtigen Choraltar ganz abbrechen lassen, er war
so hoch, daß selber die Decke der Kirche fast erreicht hatte 633. Er war nicht bau-
fällig, aber verdorben. . . Uber eine Zeit ließ er den Kommunionbank und die

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