Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

Page: 103
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kissling1975/0114
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Das Chorgestühl

1. Die Verbindung von alten und neuen Teilen

Das Patronat und die Einkünfte der Pfarrei Gmünd gingen 1544 vom Domstift
Augsburg auf die Stadt Gmünd über 537. Das wird ein förderliches Moment zur
Wiederherstellung und Erweiterung der pfarrkirchlichen Ausstattung gewesen
sein, die 1497 weithin zerstört worden war. Zwar erwähnt der Chronist nur den
Verlust der Altarretabeln53e, man wird aber auch eine starke Schädigung des Chor-
gestühles annehmen müssen. Dieses Chorgestühl, das man in dem Schadensbericht
nicht der Erwähnung wert fand, kann demnach kaum sehr kunstvoll gewesen sein.
Aus verständlichen Gründen wird jedoch die Geistlichkeit der Pfarrkirche nach
dem Wiederaufbau der Architektur auf Wiederherstellung oder Neubeschaffung
des Chorgestühles gedrängt haben. Inschriftlich gesichert ist es endlich 1550 wie-
der erstellt. Ein Werk war gefertigt, das seiner frei auf das Dorsale gestellten
Doppelfiguren wegen für die Mitte des 16. Jahrhunderts einzigartig in Deutsch-
land ist.

Dieses 24sitzige Chorgestühl (Abb. 36, 37) flankiert den über drei Stufen heraus-
gehobenen Hochchor im zweiten und dritten Chorjoch. Je sechs Sitze des Gestühls
sind zusammengefaßt und zwischen die Pfeiler gesetzt. Leisten und Pilaster glie-
dern die Flächen von Pultwand und Dorsale und grenzen Rundbogenfelder ab.
Das Dorsale schließt mit einem Gesims, das 24 freistehende Doppelfiguren be-
krönen. Also kein Baldachin über dem Dorsale und nirgends geschnitzte Wangen
und üppiges Zierwerk. Dieses Gestühl hat den Charakter des Gebäudes aufgege-
ben und nimmt wieder die Eigenschaften des Sitzmöbels an. „Das Dorsale wird zur
Wand, vor der das Gestühl steht."539

Die Rundbogenfelder der Pultwand sind mit dem einheitlichen Motiv eines
tonnengewölbten Raumes intarsiert. Seine Architekturlinien, Gewölbekassetten
und Bodenplatten folgen streng den Regeln einer axialsymmetrischen Zentral-
perspektive. Hier wie an dem Dorsale wurden edle Hölzer eingelegt. Für die
Profilleisten, Gesimse und Kapitelle diente Eichenholz.

Die beiden ersten Felder zieren inmitten des Architekturmotives rechts das
Monogramm und Wappen des Adolf Daucher II samt der Jahreszahl 1550, links

103
loading ...