Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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daß damals der kürzeste Reiseweg von Augsburg nach Heilbronn über Gmünd
führte. Man wird deshalb folgern dürfen, daß Engelberg die Reichsstadt und ihre
Pfarrkirche im Remstal kannte. Ob er in deren „schadhaftes Gezarke" eingegriffen
hat, ist nicht überliefert, auch nicht von den Augsburger Baumeisterbüchern. Man
weiß aber, daß der Rat der Stadt Augsburg seinem Baumeister „für sein auswär-
tiges Wirken Freizügigkeit zugesichert hat. So sollte er in eigenen Angelegen-
heiten jederzeit auf elf oder zwölf Tage verreisen dürfen, ohne dem Rat seine
Abwesenheit anzuzeigen. Freigestellt wurde ihm die Übernahme auswärtiger
Bauten, ungefährlich bis in zwanzig Meilen von dieser Stadt! Dieser Radius um-
faßt von Augsburg aus das Gebiet bis Innsbruck, Bodensee, Stuttgart, Heilbronn,
Nürnberg, Straubing und an die Salzach" 449.

Sagen aber nicht die schriftlichen Quellen, daß Stefan Weyrer von Nördlingen
den Gmündern 1507 und 1513 Rat erteilt hat und dies wohl so sachkundig, daß sie
ihm die Kirchenmeisterstelle anboten? In welchem Umfang er beim Wiederaufbau
mitgesprochen hat, läßt sich einer solchen Notiz nicht entnehmen. Nicht selten
wurde damals eine ganze Anzahl von Meistern zu einer Baubesprechung an Ort
und Stelle gebeten. Stefan Weyrer zuzuziehen lag allerdings deshalb schon nahe,
weil in Nördlingen die Einwölbung des Langhauses im Gange bzw. schon abge-
schlossen war, ihm also frische Erfahrungen einer Hallenwölbung zu Gebote
standen.

Hier ist aber daran zu erinnern, daß Stefan Weyrer, ehemals Polier beim Bau
von St. Ulrich und Afra, bei der Nördlinger Einwölbung sich des Rates von Burk-
hart Engelberg bediente 450. Wer die Seitenschiffgewölbe beider Kirchen kennt,
zweifelt an den Zusammenhängen und der Beratung nicht.

In beiden Augsburger Seitenschiffen ist jeweils die gleiche Gewölbefigur einge-
setzt, jedoch im südlichen Seitenschiff um 90 Grad gedreht und ohne hervortre-
tende Jochbogen aneinandergekettet (Z 14)i51. Von einer Drehung zu sprechen
erlaubt die nicht axialsymmetrische Gewölbefigur452. N. Lieb beschreibt dieses
Gewölbe so: „In den Seitenschiffen enthält jedes Joch als Mittelmotiv ein Sechs-
eck, von dem aus je ein Strahl in die vier Ecken zielt." 453 Das Wesentliche dieser
Gewölbefigur scheint damit noch nicht hervorgekehrt, nämlich die Aufgliederung
der von den vier Eckstrahlen gestützten Großraute. Ihr Feld durchziehen nicht aus-
schließlich rautenparallele Linien zur Aufteilung in neun gleiche Einsatzrauten,
sondern hier sind in einem zweimal gewinkelten Band vier Parallelogramme ein-
gelegt, die zusammen mit vier Rauten und zwei Dreiecken das große Rautenfeld
füllen. Kein Sternmotiv und keine Spiegelsymmetrie bestimmen das zentrale
Feld der Gewölbefigur, sondern ein in diagonaler Richtung geführtes Band. Wir
wollen es deshalb ein Stern-Diagonalnetz-Gewölbe nennen454. Dieses Motiv be-
tont nicht so sehr das Zentrum der Gewölbeschale (ein zentraler Schlußstein ist
hier nicht denkbar), auch nicht ausschließlich deren Breite oder deren Tiefe. Dieses
Motiv rhythmisiert die Folge der Gewölbefiguren und verleiht so dem Ablauf der
Seitenschiffe eine eigentümliche Spannung. Das 14. Jahrhundert wollte mit den
Springgewölben Ähnliches erreichen, wenngleich dessen wenige Linien nicht zu
dem Reichtum dieser pulsierenden Rhythmen gelangen. Diese Anmerkung zu
einem Gewölbemotiv des 14. Jahrhunderts wird vielleicht, wie das Nachfolgende
erweisen kann, nicht überflüssig sein, auch die Erinnerung nicht, daß halbwegs

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