Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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No. 5.

Runstgewerbeblatt. z. Iahrgang.


Vucheinbände der Renaissance.
Uon Ferdinand Lulhmer.
!Nit Abbildungen und einem Auxferlichtdruck.*)

Kaum ein cmdrer Zweig der technischen
Künste hat in unsern Tagen mit so wenig Er-
folg den Vorbildern der Vergangenheit nachge-
eifert wie Lie Buchausstattung. Diese Bchaup-
tnng mag gewagt klingen gegenüber den an-
spruchsvollcn und glänzendcn Leistungen, mit
dcncn unser Luxusverlag uns zu jeder Messe
überschüttet. Sie erhält jedoch nicht nur ihre
Bestätignng sondern auch ihre Erklärung, wenn
wir die grnndverschiedene Stellung ins Auge
sassen, welche in unserem Kulturleben das Buch
heute spielt, verglichen mit dcm ersten Jahrhun-
dert nach Erfindung des Bücherdrucks. Um den
Untcrschicd in zwei Worte zu sassen, so ist das
Buch heute ein Verbrauchsartikel, srüher wnr
es ein litterarisches Monument. Nicht als ob
das Zeitalter der Reformation nicht auch Druck-
schriften besessen hätte, deren Bedeutung nur für
den Tag bemessen war. Aber so fest war für
das gedruckte Wort der Begriff des Monumeu-
talen eingewurzelt, daß die eutsprechende Aus-
stattuug sich auch auf die losen Flugblätter, die
Pamphlete erstreckte, mit denen die Vorposten-
gefechte des Reformationskampfes ausgefochten
wurden. Heute kbnnen wir im geraden Gegen-
satzc hierzu beobachten, wie der Eintagscharak-
ter der litterarischen Schvpsungen sich selbst aus
diejenigen Editionen ausdehnt, die, wie Gesetz-
sammlungen, wissenschaftliche Quellcnforschungen
und ähnliches sich im eigentlichen Sinne als
litterarische Monumente darstelleu.
Da wir nun nicht im stande sind, die
Uberproduktion im Schriftwesen abzustellen, so
werden wir wohl oder übel auch ferner mit
dem Papier aus Cellulose und den abscheulichen
Bastard-Typen, die noch den größten Teil unserer

Bllcher veruuziercn, zu rechnen haben. Wir
dürfeu uus dann auch nicht wundern, wenn das
Kleid dieser vergänglichen Preßerzeugnisse eben-
falls nicht vou soliderem Material und sorg-
fältiger Mache ist, und indcm wir die Dreißig-
Pfennig-Einbände in Calico mit Drahtbindung
anerkennen, höchstens cin ganz klein wcuig gegen
den proletariermäßigen Ausputz mit Gold nnd
Bronze protestireu.
Jmmerhin können wir eine Wenduug zum
Besseren auch in unseren Tagcn erkenuen. Auch
wir haben unsre Bibliophilen, sür welche ab
und zu cin Lieblingslyrikcr, uoch öfter abcr ein
bewährtes Stück alter Litteratur mit Schwabacher
Lettern auf Biittenpapicr gedruckt wird. Und
Wenn folche Bestrebungen auch in unserer Zeit
vereinzelte Curiosa bleiben müssen, wenn sie
auch aus den oben genannten Gründen uicht
tonangebend auf unser ganzes modernes Schrift-
wesen wirken können, so haben sich doch ihre
guten Folgcn schon gezeigt. Um nur von der
äußeren Ausstattung der Bücher zu reden, so
giebt es doch thatsachlich heute nicht nur geschicktc
Binder und Vergolder, die mit Nutzen und Ver-
ständnis das reiche Material alter Vorbilder
studiren — noch inehr: es giebt wieder Leute von
Geschmack, die nicht davor zurttckschrecken, ein
Paar Guineen, oder die entsprechcnde Anzahl
Francs für einen tadellosen, im Sinne der Alten
hergestellteu Franzband zu bezahleu. Wie nun
ein solcher Band ausgesehcn, darüber wird uns
eine kurze Skizze des Bucheinbandes zur Zeit
der Renaissance belehren.
Mit nicht mjnderer Entschiedenheit als auf
andern Gebieten der Kunstthätigkeit bricht auch
im Bucheinband die Renaissance mit dcr Ver-

*) Die Abbildungen sind entlehnt aus dem Werke Ass nrt» üu bois, üss tissns st än xaxisr. Vergl. S.48.
Kunstgewerbcblatt. i. 12
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