Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 25.1914

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NEUE KOMMERSBUCH-EINBÄNDE
VON G. E. PAZAUREK, STUTTGART

DIE Sache ist wichtiger, als sie aussieht. — Zweimal
in rascher Aufeinanderfolge, doch von einander
unabhängig, wurden Wettbewerbe auf dem Gebiete
studentischer Graphik und Buchkunst entschieden.
Am 4. April 1913 fiel im Stuttgarter Landesmuseum das
Urteil in der vierten (vorletzten) Studentenkonkurrenz, die
diesmal ausschließlich der Graphik gewidmet war1), und
am 3. Juli trat im Kunstgewerbemuseum von Karlsruhe das
Preisgericht zusammen, das die Verlagshandlung Moritz
Schauenburg in Lahr zur Beurteilung neuer Kommersbuch-
Einbände zusammengebeten hatte. Um gleich das Ergebnis
zu verkünden: Beidemal war die Beteiligung quantitativ
und zum Teil auch qualitativ recht erfreulich, und beide-
mal schoß Paul Meinke aus Köln den Vogel ab, indem
ihm mehrere Preise und lobende Erwähnungen zufielen.
Beidemal lernte man außerdem eine Anzahl hoffnungs-
voller jüngerer Graphiker kennen, unter denen — obwohl
die Konkurrenzen alten Deutschen offen waren — verhält-
nismäßig viele Stuttgarter wie Paul Hehn, Karl Purrmann
und Karl Siegrist einerseits und Josef Fuchs, wie Gustav
Jourdan anderseits mit Erfolg hervortraten. Da Stuttgart
nicht nur der Ausgangspunkt für die Reformbestrebungen
in der Studentenkunst ist, sondern auch gerade auf graphi-
schem Gebiete eine besonders rührige und glückliche Tätig-
keit entwickelt, so mag dies kein bloßer Zufall sein. Aber
auch Persönlichkeiten wie W. Wölke-Gießen, O. F. Kutscher-
Köln, W. Schnarrenberger-Miinchen, Otto Thiesing-Hildes-
heim, M. Loeding-Jena, H. Nolpa-Auerbach, W. Rampmann-
Elberfeld, H. Keune-Hannover und viele andere zeigten ihr
Talent im besten Lichte. Die Liste tüchtiger, frischer
Kräfte, die für ähnliche Aufgaben nun überall mit Erfolg
herangezogen werden könnten, wäre noch viel reicher,
wenn man sich auch in Karlsruhe, wie in Stuttgart, ent-
schlossen hätte, alle Namensumschläge zu öffnen, wozu
man sich jedoch, da dies in den Bedingungen nicht vor-
gesehen war, nicht für berechtigt hielt.
Es ist durchaus erfreulich, verfolgen zu können, wie

1) Eine ausführliche Darlegung mit vielen Abbildungen
findet sich in Dr. Uetrechts »Aura academica«.

viel unverbrauchtes Künstlerblut in eine Richtung gelenkt
werden kann, wo es unausgesetzt lohnende Aufgaben gibt.
Denn gerade das werden die Halbtalente in Studenten-
kreisen, die dergleichen nur zu oft »in eigener Regie« zu
besorgen pflegen, gemerkt haben, daß zwischen ihren
studentisch korrekten, künstlerisch aber höchstens gut ge-
meinten Dilettantenarbeiten und den wirklich guten Leistun-
gen der Berufszeichner noch ein gewaltiger Unterschied
besteht. Bei [der Ungeheuern modernen [Überproduktion
auf allen buchgewerblichen Gebieten sind überdies aus-
gezeichnete Entwürfe wirklich nicht teuer, so [daß kein
Studentenverein zurückschrecken muß.
Aber auch an die Künstler sind einige Worte zu richten,
wenn die mühevolle Bewegung, sie mit den Studenten-
kreisen in Verbindung zu bringen — und darauf beruhte
die ganze Hoffnung zur Hebung unserer Studentenkunst und
damit zur Einführung besseren Geschmackes in akademische
Kreise überhaupt —von dauerndem Erfolg begleitet sein soll.
Wie überall, muß man sich möglichst eingehend mit den
Wünschen der Besteller beschäftigen und ihnen Rechnung
tragen. Die Motive allein tun es nicht; Schläger und Schläger-
körbe, Wappen, Zirkel1, Bänder und Kränze, Gaudeamus-
Sprüche, Lyra und Laute, heraldische und symbolische Ge-
stalten, studentische Embleme aller Art kehren selbstverständ-
lich überall wieder; aber nicht selten zeigtein fehlerhaftes
Detail, daß man in die Gedankenwelt der Studentenschaft
nicht tief genug eingedrungen ist, und man verstimmt die
Auftraggeber, die bei ihrem höheren Bildungsgrade nur
zu leicht zu Beckmessereien hinneigen. Warum haben
z. B. so viele Bewerber bei dem Kommersbuch-Wettbewerb
auf die unumgänglich notwendigen Biernägel gar keine
Rücksicht genommen? —
Daß die Studentenschaft auch in künstlerischen Fragen
vielleicht viel konservativer ist, als es nötig wäre, sei nur
nebenbei erwähnt. Mit allzu weitgehendem ästhetischem
Modernismus wird man daher im allgemeinen wenig Glück
haben. (So wird der vierte Preis von Josef Gaugl-München
in der Lahrer-Konkurrenz trotz seiner Originalität in aka-
demischen Kreisen kaum viel Gegenliebe finden.) Aber
man glaube daher ja nicht, daß man deshalb mit archai-

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