Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 25.1914

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NEUES MEISSNER PORZELLAN
VON WILLI MÜNCH-KHE
VON DR. JOS. A. BERINOER, MANNHEIM
AUF der Internationalen Baufachansstellung in
Leipzig hat die Kgl. Sächs. Porzellanmanufaktur
■ Meißen eine prachtvolle, vielseitige und neu-
artige Ausstellung von Erzeugnissen ihres Betriebes
zur Schau gebracht. Öffentliche Urteile über die aus-
gestellten Leistungen gingen dahin, daß so hoch-
wertige, reife und geschmackvolle moderne Arbeiten
seit Jahrzehnten nicht mehr geschaffen worden seien,
und daß die Kgl. Sächs. Porzellanmanufaktur Meißen
eine so zahlreiche selbständige, hochstrebende Künstler-
schaft vielleicht seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr
besessen habe.
Den Hauptanteil der Kgl. Manufaktur zu Meißen
auf der Iba in Leipzig 1 g 13 hatte der im Frühjahr
1912 nach Meißen berufene Karlsruher Maler und
Kunstgewerbler Willi Münch. Er allein konnte sein
reiches und materialgerechtes Können an der hohen
Zahl von 28 verschiedenen Nummern unter 17 Aus-
stellern und 95 Nummern dartun. Das darf gewiß
als ein Zeichen gelten, daß Manufaktur und Auswahl-
jury an seinen Leistungen besonderen Gefallen fanden,
trotzdem oder weil sie streng innerhalb der erprobten
Materialgrenzen blieben und doch im Künstlerischen
und Technischen den Fortschritt vertraten. In der Tat
hat sich Münch ebenso mit feinster Schmiegsamkeit
in den graziösen Geist der Barock- und Rokokozeit
eingefühlt, wie er auch eine durchaus neue, bei aller
Freiheit in Formen und Farben stilistisch sehr strenge

Ausdrucksweise für seine äußerst geschmackvollen
Werkstücke gefunden hat. Diese erstrecken sich auf
Form und Dekor von Tellern, Vasen, Schmuckdosen,
Gebäckbüchsen, Schalen, Fliesen, Wundervögeln,
Wandreliefs und einer Brunnensäule mit Puttobekrönung.
In allen diesen Stücken bewährt sich Münch als
ein außerordentlich selbständiger, erfindungsreicher
Künstler. Sein Blick ist nicht so sehr auf die Tradi-
tion der Manufaktur, sondern auf ihre Zukunft ge-
richtet, für die er reformatorisch den Boden bereitet:
sei es, daß er die Linien der Teller, Vasen, Dosen,
Schalen und Urnen mit größter Feinfühligkeit für die
duktile Materie der Porzellanmasse durch oft nur leise
Verschiebungen aus den Barock- und Rokokoformen
in eine neue Stilform leitet, sei es, daß er ganz selbst-
herrlich neue, graziöse Formtypen schafft und mit
einer durchaus neuen Form- und Farbenwelt von
immer streng stilisierter Haltung belebt. Seine fein
abgewogenen Profile mit ihrem sensibeln Linienfluß,
seine sparsame, aber sehr wirksame Plastik mit Punkten
und Kanten verstehen dem Materialreiz und dem Lüstre
des Weiß und der Farben die glänzendsten und doch
diskreten Effekte zu entlocken.
Die menschliche Gestalt und die tierischen Formen
in reicher Zahl werden von Münch bevorzugt, bald
in herber, bald in humoristischer Stilisierung, aber
immer mit dem feinsten Gefühl für Rhythmus und
Dynamik der Raumaufteilung und Raumausfüllung,
für Symmetrie und Lockerheit, für Reichtum und
Sinnenfälligkeit der Schauform. Noch strenger in der
Stilisierung verwendet Münch den aus der Pflanzen-
welt oder aus der Zierlinie gewonnenen Formen-
schatz. Sein Naturgefühl ist ungeheuer lebendig und
sicher und klingt auch in der abstrahiertesten Form,
wie die Melodie einer Beethoven Variation, klar und
erkennbar aus jedem Zug des Schmuckmotivs. Nirgends
ein stilmörderisches Herausfallen oder auch ein stil-
fremdes Anpassen oder gar Aufkleben des Dekors.
Münch ist ein geborener Stilist und Stilkünstler.
Das weist auch seine koloristische Empfindung auf.
In der Scharffeuermalerei (der Unterglasur) hält sich
Münch an die seit den ältesten Zeiten bewährten,
stufenreichen Kobalttöne, deren Verwendung er eben-
sowohl seine flächigen Ornamente aufs glücklichste
anzupassen weiß, wie er diese Farbe durch grünliche
oder braune Töne reizvoll zu heben und zu beleben
versteht. Unsere Tellerabbildung ist in dieser Technik
behandelt, wobei die Blumen golden konturiert, Hals-
kette und Pelikan golden ausgestattet sind. — In der
Aufglasur, in der die Vasen, Dosen u. s. f. ausgeführt
sind, sucht Münch das kostbare weiße Edelmaterial
des Porzellanglanzes durch einfache Farbenakkorde von
zwei bis drei satten Tönen zur Geltung zu bringen. Es
soll locker und vornehm durchschimmern und vor-
züglich durch das königliche Gold gehoben werden.
Die Vasen sind mit einfachen Tönen gefärbt, aus
denen sich die weißen Henkel und die ovalen far-
bigen Dekore stark herausheben (z. B. Körper hell-
malachitgrün, Einlage weiß Oval mit tief purpurnen
Schoten, tiefblauen Früchten, schwarzen Stielen und
goldenen Beeren).

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