Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

Seite: 142
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WerLher rhre dichterische Form gesunden, schon wieder zurückgeschlagen, als
Goethe seine zweike Schweizer-Reise ankrat. Anders lassen sich jene doch nur
ein halbes Jahrzehnk nach der Niederschrifk der Wetzlarer Passion enkstan-
denen Briese, welche einen ruhigen, von beherrschker Seelensassung begleikeken
Bekrachker osfenbaren, nichk versiehen. Zugleich nimmk das so gebändigke Herz
von der nichk mehr schwärmend angeschauken WirklichLeik willig die neuen
erhabenen Maße an, welche sie ihm enkgegenstellk; „mein Auge und meine
Seele konnken die Gegenstände fassen", schreibk Goekhe aus, „nnd da ich rein
war, diese Empsindung nirgends salsch widerstieß, so wirkken sie, was sie soll-
ken". lknd man vergegenwärkige sich dazu, um das Ganze zu haben, noch ein
letzkes Work: „Häkke mich nur das Schicksal in irgendeiner großen Gegend
heißen wohnen, ich wollke mik jedem Morgen Nahrung der Großheik aus ihr
saugen, wie ans einem lieblichen Thal Geduld und Skille." Bei den hier mik
Goekhe beginnenden gewalkigen deukschen Alpenschilderungen sei uns zu ver-
weilen erlaubk, bis wir ihren klassischen Abschluß, Karl Rikker, erreichk und
ihren romankischen Ausklang angedeukek haben; Gesinnung und Gegenstand
machen gerade diese Phase, welche die darstellende Bekrachkung der uns von
unserem ewigen Sehnsuchksziele krennenden Erdschwelle versolgk, besonders
merkwürdig. 2lls sich um die Mikke des Zahrhunderks Winckelmann seinem
Vekkurin anverkraute, um in einer „hinken und vorn sehr beladenen" Kuksche
durch Tirol ins Tridenkinische hinüber gebrachk zu werden, waren die Zeugnisse
sreilich noch selken, die sich wie seine enkzückken Briese zur sreudigen Bewun-
derung des „Überslusses zwischen den nngeheuren Klippen" bekannken. Wohl
weil ihn die Eile ankrieb, hak er diese schönen Gegenden (in denen sich dereinst
der große Jmmermann ziemlich mißmukig aushalken sollke) kaum faßlicher be-
schrieben; späker zog ihn das Plastische zu mächkig an, als daß er sich dem freien
Anblicke von Landschafken noch erösfnen wollke; da er endlich wieder über die
Gebirgspässe herausstieg, wandelke schon der Todesengel neben ihm. Erstaunen-
der ist die fast krotzige Landschasksarmuk der ersten Schweizerbriese Goekhes,
aber wie überwälkigend holen die 177g ausgezeichneken Schilderungen das Ver-
säumke, weil noch Unbegrissene, nach! Bon dem Emkrikk in das enge Birsch-
Tal, an das sich schon senkrechke, geklüskeke IDände drängen, bis znm ersten
großen, von dem kahlen Gipfel der Dole genossenen Blicke in die glänzende
Eiswelk steigern sich die bekrachkeken Massen, die bekrachkenden Gedanken.
Dork, wo ihm die weißschimmernden Gebirge wie eine heilige Reihe von Zung-
srauen gegenüberzuliegen scheinen, die „der Geist des Himmels in unzugäng-
lichen Gegenden, vor nnseren Augen, sür sich allein in ewiger Reinheik auf-
bewahrk", will ihm das Herz stocken und die herrlich geschichkeke Fülle des
Endlichen unausmeßlich dünken. llloch im Herabsteigen sind seine Augen immer
aus die Eisgebirge gerichkek; möchken doch jedem die wundervollen Sätze bekannk
sein, mik denen er sich darnach von den 'fernen Höhen abwendek, die sich, im
Sonnen-llnkergange, in Feuerdamps hüllken und nun langsam erblassen. Wir
bemerken die Taksache, daß Wilhelm Heinse sast zur selben Zeik den Rigi er-
klomm, ganz ohne parodistische Absichken, denn seinem sinnlichen Temgeramenke
sind hier wie im ikalischen Landschasksranme die reizendsten und sarbigsten Bild-
skizzen gelungen; dem seclenvollen Waller aus seuchten Psaden in die ihn osk
erschreckende Welk der Abgründe und Riesengigsel zu solgen, ist darnm ein
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