Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 40,2.1927

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Goethe schreibt in „Wahrheit und Dich-
tung": „Wüchsen unsere Kinder m der
Art sort wie sie sich andeuten, so hätten
wir lauter Genieö." Und Schopenhauer
spricht den gleichen Gedanken aus, wenn
er mei'nk, daß die Gewalt und Fähigkeit,
mlt der das Kind kraft sei'nes Genius den
andrängenden Stosf bewälti'gt, äonen-
hafte Entwicklungen in i/j Jahre zusam-
mendrängt.

Man kann in diesem Sinn wirklich vom
„Geni'us des Kindes" reden, wie das Hart-
laub in einem geistreichen und warmher-
zigen Buch getan hat, wobei er gerade
auf die kindliche Bilddarstellung Bezug
nimmt. Diese naiv genialischen Leistun-
gen liegen vor der Pubertätszeit und
gehen mit dem sich entwickelnden Selbst-
bewußtsein und Selbsturteil aus verschie-
denen Gründen empfindlich zurück; des-
halb versprichk fast jedes Kind viel mehr,
als es im späteren Leben halten kann.
Es ist überwiegend Sinnenmensch, emp-
fängt von der Außenwelt die rerne An-
schauung und gibt diese, ohne Reflexion,
wieder; es hat ihr gegenüber keine eigent-
liche Wahlfreiheik. Es existiert deshalb
das „unbeeinflußte" Kind überhaupt
nicht; nur Kinder, die einer geringeren
oder größeren Beeinflussung ausgesetzt
sind. Bilderbücher, Zeitschriften, Ansichts-
karten, Wiedergabe von Gemälden, Pla-
kate usw. wirken darauf ein, zumal in
der Stadt. Erfahrungsgemäß machen
gerade Bi'lder auf Kinder einen außeror-
dentlichen Eindruck — man bekrachte sie
nur vor den Bilder-, Buchhändler- und
Zeitungsläden. Dazu kommt die Tatsa-
che, daß selbst schon das vorschulpflichtige
Kind oft ein geradezu phänomenales Ge-
dächtnis für optifche Erlebnisse hat —
was die manchmal erstaunlichen Leistun-
gen von Ki'ndern mit drei und vier Jah-
ren erklärt. Die Mannheimer Ausstel-
lung von Zeichnungen begabter Kinder
(1921) zeigte Darstellungen „aus dem
Kinderleben in Stube, Haus und Stra-
ße, bei Spiel und Sport, Erregungen des
Iahrmarktes, Scherz und Ernst m der
Schule, Eindrücke und Erinnerungen von
Großstadt und Gebirge, Erlebnisse und
Phantasien von allen christlichen Festen,
Borstellungen aus Märchen, Sagen, bi'-
blischer Geschichte, Krieg und Abenteuer".
Wobei im Durchschnitt stets die Knaben
sich als begabter erwiesen, was schon Ker-
schensteiner festgestellt hak.

Wegen dicser vielscitigen Beeinflussung

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ist es schwer, das original Kindmäßige in
der formalen Gestaltung herauszustellen.
Es gibt hierin natürlich Entwicklungsstu-
fen, wie sich das Kind je nach seinem
Alter schon seinem Spielzeug und Bilder-
buch gegenüber verschieden verhält; und
die Erforschung der Kinderzeichnung hat
auch eine Reihe sich ablösender Typen
anfgestellt. Wir besitzen aber bi's in die
allerjüngste Zeit noch keine systematische
Erkenntnis und lückenlose Darstellung des
organischen Ablaufes der kindlichen AuS-
drncksweise im Zeichnerischen.

Man hat die letzten Jahre Goethes Ge-
danken, daß sich in der Entwicklung des
Kindes die MenschheitSentwicklung wie-
derholt — ein Gedanke, den der Päda-
goge Ziller ausgewertet und die neuere
biologische Forschung mehrfach bestätigt
hat — für die Kinderzeichnung in der
Weise benützt, daß man sie mit Zeich-
nungen der Naturvölker zusammenstellte,
jedoch ohne daß etwas sonderlich Frucht-
bares für die unterrichtliche Seite heraus-
gekommen wäre. Diesem Mangel sucht
nun ein kürzlich erschienenes Werk abzu-
helfen: Gustav Britsch, Theorie der
bildenden Kunst, herausgegeben von Egon
Kornmann Bruckmann, München).
Hler werden für das kindliche Darstellen
und alle primitive Kunst gemeinsame Ent-
wicklungsstufen nachgewiesen, die gewis-
sen Zuständen der jeweiligen Vorstel-
lungsmöglichkeit entsprechen. Ohne die
Definition, die Britsch von der bildenden
Kunst gibt, gelten zu lassen, ohne auch
sonst zu meinen, daß mit seinem System
so viel erreicht ist, wie seine Anhänger
glauben, bin ich doch der festen Überzeu-
gung, daß gerade für die früheste Knnst
und die Kinder-„Kunst" hier höchst wert-
volle, grnndlegende Erkenntm'sse gewon-
nen sind. Kein Lehrer, der auf diesem
Gebiet arbeitet und seine Schüler v 0 n
ihrer Natur aus fördern will, darf
in Zukunft an diesem Buch vorübergehen.
2lus dem Stadium des Gekritzels löst sich
nach Britsch schon bald die Absicht und
Möglichkeit, etwas Bestimmtes durch
Umgrenzung anzudeuten, ohne daß es eine
bestimmte Form beabsichtigte oder gäbe.
Dann werden die Hauptrichtung der Na-
kurform und deren Richtungsunkerschiede
herausgestellt. So zeigen sich also an
einem Naturwcsen die Vcrtikalc und Ho-
rizontale ihres Bauens an, was allmäh-
lich immer mehr vcrdeutlicht, verwirklicht
wird. Auf dem Weg, die wcitercn Rich-
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