Schmitz-Esser, Romedio
Der Leichnam im Mittelalter: Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers — Mittelalter-Forschungen, Band 48: Ostfildern, 2014

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II. Der heilige Leichnam

„Yet Docter Henley would geve no creditt to his word,
but still did crye ,Cast downe his bones.' Then Docter
Ley maide annswere, ,Yf ye will not beleve me, come
up your seife and se hime.' Then dyd Docter Henlie
Step up to hime, and did handle him, and dyd se that
he laid hole. Then he did commaund them to taike hime
downe, and so it hapned, contrarie ther expectation,
that not onely his bodie was hole and incorrupted, but
the vestments, wherin his bodie laie, and wherewith all
he was accustomed to saie mass, was freshe, saife, and
not consumed."
A description or breife declaration 85-86
Die spätmittelalterliche Kunst räumte dem Leichnam im Alltag einen immer zentra-
leren visuellen Platz ein, und diese Entwicklung korrespondierte mit der gesteigerten
Frömmigkeit gegenüber der konsekrierten Hostie, also dem Leib Christi, die etwa in
der Einführung des Fronleichnam-Festes und dem Entzug des Kelches für die Laien
bei der Kommunion ihren Ausdruck fand1. Damit stand zugleich die Verehrung des
Körpers Christi, des Corpus Christi, im Zentrum mittelalterlicher Frömmigkeit, und
nicht zufällig umfasst sowohl das lateinische „corpus" als auch das deutsche „lichnam"
jeweils die Wortbedeutungen von Körper ebenso wie von Leichnam. In mittelalterlicher
Perspektive bezeichneten beide ein übergreifendes Konzept, und nirgends wird dies
deutlicher als im Reliquienkult, denn hier stand der Leichnam als Teil des letztlich im
Interim doch lebenden Individuums im Mittelpunkt der Verehrung. So verwundert sich
der 1110 verstorbene Abt Thiofried von Echternach in seinem Traktat zum Heiligenkult,
wie das Nichtigste, der verabscheuungswürdige Leichnam, durch die in den Reliquien
gewirkten Wunder Ort der größten Gnade Gottes werden könne und der Allmächtige
damit in seiner Schöpfung dem Kleinsten und Unwürdigsten die größten Fähigkei-
ten gäbe2.
Der Konstruktionscharakter des Leichnams wird im mittelalterlichen Reliquien-
kult besonders evident: Das theologische Konzept eines getrennten Weiterlebens von

So bereits etwa Bynum, Violent Imagery 5.
Thiofried von Echternach, Flores epytaphii sanctorum 9-11 [1,1], „Sed diuine maiestatis uirtus
inconprehensibilis, ineffabilis sicut terram informem formauit in animam uiuentem, sic terram
corpori humanitatis sue conformem, in terram et puluerem reuersum in puluerem dat mirabi-
lius uiuere per spiritum uiuificantem, et qui ex nihilo rerum condidit uniuersitatem intransitiui
ac eterni nominis sui uirtutem declarare dignatur in pulueris nomine cuius nulla substantiali-
ter est natura essentie, quod antequam dicatur remota omni sophystice argumentationis stro-
pha quantum ad se nihil est." Ebda 10 [I,i].
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