Schmitz-Esser, Romedio
Der Leichnam im Mittelalter: Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers — Mittelalter-Forschungen, Band 48: Ostfildern, 2014

Page: 337
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mf48/0354
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
V. Die Gemeinschaft der Toten
und der Leichnam im „ordo"

„Wir wollen beweisen, das wir recht wegen, recht rich-
ten vnde recht faren jn der weite, niemants adel scho-
nen, grosser kunst nicht achten, keinerley schone anse-
hen, gab, ließ, leydes, alters, jugent vnde allerley vber
gut vnd vber böse. Wir tun als die sunn, die scheint vber
gut vnd vber böse. Wir nemen gut vnde böse jn vnser
gewalt."
Johannes von Tepl, Ackermann 14 [6]
Mit diesen Worten rechtfertigt sich im „Ackermann" aus der Zeit um 1400 der Tod:
Er sei gerecht, denn er töte doch ohne alles Ansehen der Person nach Alter, Schönheit
oder Begabung. Damit griff Johannes von Tepl ein Motiv auf, das sich insbesondere im
15. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute; die Gerechtigkeit des Todes als Durchbre-
cher der Ständegesellschaft, als Nivellierer des gesellschaftlichen „ordo" feierten zahl-
lose Werke der Literatur und der Kunst im Spätmittelalter, mit dem Totentanz als dem
bekanntesten bildlichen Ausdruck dieser Idee.
Nichtsdestoweniger - oder vielmehr gerade deshalb - wurde dieser Spiegel ei-
ner Gesellschaft vorgehalten, die selbst stark hierarchisch gegliedert war. Und anders
als es der Tod im „Ackermann" suggeriert, bot kaum ein anderes soziales Ritual eine
bessere Gelegenheit zur Verortung der Menschen in diesem „ordo" der christlichen
Gesellschaft, als dies die Bestattungen tun konnten: Der Ort der Bestattung (im Kir-
chenraum oder am Kirchhof), der Grad in der Anknüpfung an eine etablierte Tradition
(in einer Familiengrablege über viele Generationen oder im Rahmen einer kürzer ge-
dachten Familienstruktur) und nicht zuletzt die Grabbeigaben spiegelten Vorstellungen
der gesellschaftlichen Ordnung. Bereits Jean-Claude Schmitt hat darauf hingewiesen,
dass die Kleidung der Verstorbenen im Grab nie nur einen Schutz ihrer Körperlichkeit
darstellte, sondern ihren Platz in der Hierarchie der mittelalterlichen Gesellschaft auf-
zeige1. Doch wollte man mit den Grabbeigaben und der Auswahl von Graborten vor
allem den „ordo" darstellen, oder drücken sich hier nicht auch andere, etwa religiöse
oder ökonomische Motive aus?

Schmitt, Revenants 230-234.
loading ...