Schmitz-Esser, Romedio
Der Leichnam im Mittelalter: Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers — Mittelalter-Forschungen, Band 48: Ostfildern, 2014

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IV. Der Leichnam als Legitimationsmittel

„In dieser Zeit betrachtete er Sarg und Leichnam Ale-
xanders des Großen und bekrönte sie aus Verehrung
mit einer goldenen Krone und bestreute sie mit Blumen,
und als man ihn darauf fragte, ob er nun auch die Grä-
ber der Ptolemäer sehen wolle, antwortete er, es sei sein
Wunsch gewesen, einen König zu sehen, und keine To-
ten."
Suetonius 2,18 (Vita des Augustus)
Der Blick auf die Personengruppen, deren Leichen im Mittelalter erhalten wurden,
zeigt, dass sich der Wert des toten Körpers nicht alleine durch die religionsgeschicht-
liche Vorstellung vom „corpus incorruptum" erklären lässt. Stand der heilige Leichnam
und das biblische Vorbild Christi im Zentrum des mittelalterlichen Diskurses über die
Erhaltung des Leichnams, so lassen sich die zahllosen Beispiele für die Einbalsamie-
rung der sozialen Oberschicht sicher nicht nur durch gescheiterte Heiligsprechungs-
verfahren erklären. Der möglichst gut erhaltene Leichnam hatte also noch in anderer
Hinsicht einen Wert, der eine durchaus handfeste Investition von Ressourcen für die
Leichenerhaltung gerechtfertigt erscheinen ließ. Dieses Kalkül offenbart sich insbe-
sondere im bereits behandelten Bemühen um den Leichentransport: Der Tote sollte als
Mitglied einer sozialen Elite an einem bestimmten Ort bestattet werden, denn die sterb-
lichen Überreste konnten in unterschiedlichster Weise Herrschaft legitimieren. Dabei
ist bemerkenswert, dass das Grabmal offensichtlich diese Funktion nicht in gleichem
Maße übernehmen konnte: Nur die tatsächlichen Reste eines Toten konnten überzeu-
gend als Siegeszeichen oder Traditionsträger, als verehrter Vorfahre oder geliebter Ver-
wandter verstanden werden, denen die Affektion und soziale Wirkmächtigkeit zukam,
die ein Kenotaph kaum (oder schlechter) herstellen konnte.
Insbesondere Adelige und Kleriker richteten ihre Handlungsmuster in einem
komplexen Beziehungsgeflecht auf die Leichenfürsorge aus, die so zu einem zentralen
Bestandteil des schriftlichen Diskurses über den toten Körper wurde; dabei verbanden
und überlappten sich der Umgang mit den heiligen Leichnamen und jenen der mittel-
alterlichen Elite an vielen Stellen. Der legitimatorische Wert, der an die Leichen der
Amtsvorgänger gekoppelt war, wurde von der weltlichen und geistlichen Elite zugleich
nachgefragt; er konnte sich in Form einer Herrschergrablege oder einer „Leichenreihe"
der Amtsvorgänger von Bischöfen und Äbten ausdrücken. Dabei war der Wunsch nach
Legitimation mit dem Bestreben, ein Gebetsgedenken zu erreichen, gekoppelt. Wenn
jedoch die Legitimation über die Leiche eines unterlegenen Gegners hergestellt wurde,
konnte dieser Memorialaspekt in den Hintergrund treten; der Leichnam wurde zum
Siegeszeichen. In beiden Fällen konnte im katholischen Abendland die Legitimation,
die die weltliche und geistliche Elite durch den Leichnam bezweckte, nur durch jene
geistlichen Gemeinschaften gesichert werden, die das konkrete Grab, seine Pflege und
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