Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 1Q9

des Kunstgenießens in ihrer erstaunlichen Findigkeit und Lebenserfülltheit zu dem
Besten zählt, was bisher zu diesem Thema gesagt wurde. Weniger aufschlußreich
ist die philosophische Grundlegung, doch wiegen ihre Mängel nicht allzu schwer,
da Müller-Freienfels ausdrücklich betont: er wolle alle mit der Kunst zusammen-
hängenden Tatsachen nur so weit behandeln, als sie psychologischer Erkenntnis zu-
gänglich sind, und lediglich nach psychologischer Methode. Aber es geht wirklich
nicht an, das Ästhetische als das »eigenwertige« aufzufassen. Denn dann ordnen
sich ihm reine Kunst, Wissenschaft, Religion unter. Das Gemeinsame liegt darin,
daß alle diese Kulturgebiete auf Selbstwerte zielen, aber keineswegs eignet jedem
Selbstwert ästhetischer Charakter. Wenn sich Müller-Freienfels hierbei auf die De-
finition von Kant beruft, daß »ästhetisch« das sei, »was an der Vorstellung eines
Objekts bloß subjektiv ist, d. i. ihre Beziehung auf das Subjekt, nicht auf den Gegen-
stand ausmacht«, so will doch Kant gewiß nicht diese Bestimmung auf Wissenschaft
oder Religion ausdehnen. Und schließlich muß Müller-Freienfels selbst zu Ein-
schränkungen sich bequemen, die seiner ersten Grundaufstellung widerstreiten. Wich-
tiger als diese mißratene Theorie ist die Aufgeschlossenheit, die Müller-Freienfels
den Bestrebungen und Zielen einer allgemeinen Kunstwissenschaft entgegenbringt.
Allerdings psychologisiert er sie zu sehr, doch stiftet das in dem Zusammenhange
seines Buches weiter keinen Schaden, da er sich ja bewußt auf das Psychologische
beschränkt. Und es scheint mir nicht so dringend, hier prinzipielle Gegensätze zu
versteifen (die Besprechung einer Neuauflage ist dafür keine geeignete Stätte) als
das Positive und Wertvolle zu begrüßen, das den reichen Erfolg bereits vor zehn
Jahren errungen hat, und dem hoffentlich auch diesmal der Erfolg sich nicht ver-
sagen wird. Auf welchem Standpunkt man auch immer stehen mag, man muß an-
erkennen: hier ist wahrhaft fruchtbare Arbeit geleistet.
Rostock. Emil Utitz.

Arnold v. Salis, Die Kunst der Griechen. Verlag S. Hirzel in Leipzig,

1919, gr. 8°. X und 298 S. Mit 68 Abb.
Lübke-Pernice, Die Kunst des Altertums. 15. Aufl. Eßlingen a. N., Paul

Neff Verlag (Max Schreiber), 1921, gr. 8°. 482 S. Mit 14 Kunstbeilagen und

664 Abb. im Text.
Das Buch von Arnold v. Salis ist — wie der Verfasser in der Vorrede selbst sagt —
ein neuer Versuch. Dagegen ist das Buch von Erich Pernice nur eine neue Be-
arbeitung des rühmlich bekannten Grundrisses der Kunst im Altertum (= Grundriß
der Kunstgeschichte I) von Wilhelm Lübke, der 1860 in erster Auflage erschien und
besonders in den Bearbeitungen von M. Semrau (12.—14. Auflage) weiteste Verbrei-
tung gefunden hat. Bescheiden erklärt Pernice in seinem Vorwort, daß er Zweck
und Ziele des Buches in gleicher Weise auffasse wie seine Vorgänger, daß er daher
die alte Form und Anordnung beibehalten und den Text nur da umgearbeitet habe,
wo es ihm unumgänglich notwendig erschien. Während also Pernice ein gutes
altes Werk nur verbessern und modernisieren will, indem er neue Forschungsresultate
hereinarbeitet, den Text lesbarer gestaltet und die Abbildungen vermehrt und ver-
bessert, entwickelt v. Salis im Vorwort, wie er einem Bedürfnis abzuhelfen glaubt,
indem er das Schwergewicht auf die innere Gesetzmäßigkeit der Entwicklung legt,
im Gegensatz zu den üblichen Darstellungen der griechischen Kunstgeschichte, die
nur Belehrung über alles Tatsächliche geben. Die beiden Werke ergänzen sich also:
Das eine ist ein vorzügliches Handbuch, das einen Überblick über die gesamte Ent-
wicklung der Kunst des Altertums gibt; das andere will das Werden und die Wand-
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