Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 281

Heilige in den primitiven Religionen«. Hier findet sich — allerdings im Gegensatz
zu der noch unzulänglicheren biologischen Lehre — die für die Kunstwissenschaft
nicht ausreichende Rückführung auf eine »ursprüngliche ästhetische Grundhaltung«.
Auch wenn nämlich für Kunst, Wissenschaft, Religion besondere Wertempfänglich-
keiten und Triebrichtungen als angeboren vorauszusetzen sind, so erklären sie noch
nicht den eigentümlichen objektiven Aufbau der Gebiete; man wird wohl auch hier
wie in der Auslegung der kantischen Philosophie über den Psychologismus hinaus-
gehen müssen. Im Grunde tut es Vierkandt selbst, wenn er der Ansicht zuneigt, es
gebe ein »Wesen« der Kunst, das vom zeitlichen Anfang an in Erscheinung tritt-
Diese Auffassung, gestützt auf die Ornamentik, tritt der auf die naturalistischen
Zeichnungen der Indianer usw. sich berufenden Anschauung entgegen, wonach sich
die wahre Kunst ganz allmählich aus Vorläufern entwickelt hat, die ihre Eigenschaft
nur in geringem Maß besitzen; jene Theorie spricht von »vorkünstlerischen«, diese
von »außerkünstlerischen« Erscheinungen. — Ein Fragment von Thomas Mann, das
den beiden Aristokraten Goethe und Tolstoi gilt, bleibt in dem Stil einer veredelten
Anekdotensammlung stecken. — Ein anderes Bruchstück (Ernst Bloch, Über das Ding
an sich in der Musik) behandelt Schopenhauers Metaphysik der Musik und Richard
Wagners Werk in einer Form, die das zu Sagende teils ungebührlich aufschwemmt,
teils mit einer harten, ungenießbaren Kruste versieht. — Der Aufsatz von Alfred
Baeumler »Romanisch und Gotisch« soll für sich besprochen werden.
Berlin.

Max Dessoir.

Georg Lukäcs, Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer
Versuch über die Formen der großen Epik. 170 S. Verlegt bei Paul Cassirer
in Berlin, 1920.

Es handelt sich um die Buchausgabe zweier bereits im Jahr 1916 in dieser Zeit-
schrift veröffentlichten Abhandlungen, deren bisweilen sehr eigenartige Gedanken
sicherlich schon damals die Aufmerksamkeit vieler Leser in einem höheren Grade
erregten als es im allgemeinen von einer ästhetischen Einzeluntersuchung erwartet
werden kann. Hier war nicht nur vom Roman die Rede! Was dem Titel nach
als der zu untersuchende »Gegenstand« und damit als das letzte Ziel und der letzte
Zweck der Darlegungen erscheinen mußte, das war dem Verfasser offenbar zugleich
»bloß« ein brauchbares Mittel. Man erwartete eine ästhetisch-systematische Unter-
suchung über die spezielle kunstwerkliche Form des Romans — und man fand eine
geschichtsphilosophische Deutung, die zum Ergebnis gelangte, daß das »Zeitalter
des Romans« sich gegenwärtig seinem Ende zuneigt. Mit einem in verhaltener Be-
geisterung glühenden Ausblick auf Dostojewsky, dessen große Schöpfungen er für
keine Romane mehr hält, schloß Lukäcs seine Ausführungen, die mit einer Schilde-
rung der »seligen Zeiten« des Griechentums begonnen hatten. Weniger also eine
»Theorie des Romans« als vielmehr der »Untergang des Romans* war es, was hier
in einer Zeit zu lesen war, in der Spenglers Buch eben druckfertig gemacht wurde,
um zwei Jahre darauf seinen Siegeszug durch ganz Deutschland anzutreten. Und
die Kunstform des Romans wurde hier betrachtet als das typische künstlerische
Produkt eines mehrere Jahrhunderte umspannenden »Zeitalters« überhaupt!

An sich ist die Verbindung geschichtsphilosophischer Spekulationen mit ästhe-
tisch-systematischen Deutungsversuchen künstlerischer Formen zum wenigsten nicht
unverständlich. Die schönen Gebilde entwickeln sich in der Zeit; eine gewisse
innere Lebendigkeit scheint das eine aus dem anderen heraustreten und das gesamte
Formenreich in einem ganz bestimmten der Gesetzmäßigkeit nicht entbehrenden
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