Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 299

Kunst der Gesellschaft: »L'art dramatique est le seul art social, et c'est pour cela
que Vauteur dramatique a Charge d'ämes.« Darum geht seine Erklärung immer wieder
von der Erfassung der Gesellschaft aus, für die der Dichter geschaffen hat, und seine
Beurteilung faßt immer die Wirkung ins Auge, die das Drama tatsächlich hervor-
gerufen hat; dabei hält er sich von der Einseitigkeit der Milieutheorie eines H. Taine,
in die er als Jüngling hineingewachsen war, deren geschichtliche und sachliche
Bedingtheit ihm aber bald klar wurde, glücklich fern — so fern wie von aller deduk-
tiven und dogmatischen Ästhetik. Was V. Basch uns vorträgt, geht von dem doppelten
Erlebnis des Kritikers aus: in viel höherem Grade als irgend ein anderer Zuschauer
tritt er dem Kunstwerk und seinem Schöpfer als selbständige Persönlichkeit, als
»Monade ohne Fenster« gegenüber; zu gleicher Zeit aber wird und muß er sich
fühlen als ein Glied der vielköpfigen Menge, die das Theater füllt. Aus dieser Doppel-
rolle erwachsen nun innere Widersprüche: diese gilt es festzustellen, ihr Auftreten
zu begründen, ihre Grundlagen zu prüfen. Und hier eben soll eine tiefe, geschicht-
liche Bildung die Grundlage darbieten für eine gerechtere Bewertung der Gat-
tungen und der einzelnen Leistungen, für die Scheidung zwischen geschickter Mache
und noch unbeholfener Genialität. »Loin que la flamme de son emotion soit appälie
et appauvric par la riflexion, eile en est infiniment enrichie et exaltee.« Aber V. Basch
weiß sehr wohl, daß die kritisch-historische Reflexion über das Kunstwerk nicht den
Kern einer gesunden Kritik ausmacht, daß sie nur die Kräfte des Beurteilers in
Bereitschaft stellt und in jedem Augenblick den Eindruck« reguliert. -'Avant tout, il
faut qu'il sacke vibrer devant Voeavre dramatique, qu'ä sacke Vepouser avec la naive
ferveur du spectateur inge'nu qui vient au iheätre pour rire ou pour pleurer, sans se
preoccouper de the'ories, de lois ni de reglest Nachträglich erst bezieht der Kritiker
das Erlebte auf die ewigen Gesetze der Galtung und bringt auf der anderen Seite in
Anschlag, worin der Dichter der Überlieferung, dem geschichtlichen Moment nach-
geben mußte. Seine höchste Aufgabe aber bleibt es wohl, die jeweils neuen verheißungs-
vollen Werte des Kunstwerks herauszuarbeiten. »II faut donc qiCil soit, ce critique, ä
la fois traditionaliste et novateur, e'nergiquement attache aux lois essentielles du genre
et largement ouvert ä tous les souffles recelant des germes nouveaux et fe'conds.«

Wer den vorliegenden Band gelesen hat, wird gestehen, daß V. Basch seinem
kritischen Ideal in hohem Grade entspricht, und es ist nicht seine Schuld, wenn
die ganze Größe des Kritikers sich angesichts des Stoffes, mit dem er zu tun hat,
nicht recht frei entfalten konnte. An gediegener Gelehrsamkeit, an Gedankentiefe
und Sicherheit im ästhetischen Raisonnement fehlt es ihm wahrlich nicht, aber er
verbirgt diese ernstere Seite immer wieder mit einer gewissen Absichtlichkeit hinter
dem geistreichen Geplauder über Inhalt und Aufbau, Stimmung und Wert der Stücke
und über die Leistungen der Schauspieler. Unwillkürlich drängt sich der Vergleich
mit der »Hamburgischen Dramaturgie« auf, die nicht umsonst in der Einleitung
genannt wird. Vor Lessings Werk hat dasjenige von Basch die durchgängige Schau-
spielerkritik voraus. Sie gibt keine eingehenden Analysen der einzelnen Rollendurch-
führung, wie wir sie in Deutschland seit einigen Jahren besonders an der Hand
von Shakespeares Dramen empfangen haben, aber sie umreißt in kurzen Zügen die
künstlerische Auffassung, sucht über die einzelne Leistung hinweg zur Persönlich-
keit des Darstellers vorzudringen und weiß auch die strengste Beurteilung mit liebens-
würdigen Komplimenten zu würzen. Die wissenschaftliche Dramaturgie wird freilich
mehr aus den Dramenanalysen des Verfassers lernen können, und diese sind umso
fruchtbarer, je bedeutender der Gegenstand ist, mit dem er sich beschäftigt. Er
hängt also nicht, wie Lessing, die schwerwiegendsten Erörterungen an so schwache
Haken wie »Weissens Richard III.« und dergleichen. Das bringen die ganz anderen
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