Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 17.1924

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BESPRECHUNGEN. 419

liehen. — Der zweite Band enthält Charakteristiken des Naturschönen und der mensch-
lichen Schönheit, die manchmal ganz stark sind. In dem Abschnitt über die Phantasie
muß man — wie eigentlich immer in diesem Werke — das klein Gedruckte vor dem
groß Gedruckten lesen, um rechte Freude zu haben. — Von der Kunstlehre (Bd. III ff.)
wäre ausführlich zu sprechen; es soll geschehen, wenn der Herausgeber nicht mehr
aus Raummangel hinter den Mitarbeitern zurücktreten muß.
Berlin

Max Dessoir.
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Kurt Gassen, Der absolute Wert in der Kunst. Entwurf einer grund-
wissenschaftlichen Klärung des Kunsturteils. 1921. Greifswald. Verlag L. Bam-
berg, Ratsbuchhandlung. VIII u. 116 S.

Der Verfasser dieser ebenso gründlichen wie eintönigen und ermüdenden
Studie versucht, wie schon aus dem Titel hervorgeht, die von ihm dogmatisch ver-
tretenen Prinzipien Johannes Rehmkes auf das Kunsturteil (Windelband würde
gesagt haben: auf die Kunstbeurteilung) anzuwenden. Er schickt seinen Dar-
legungen eine kurze Wertlehre voraus, die sich ganz eng an Erich Heydes »Grund-
legung der Wertlehre« (1916) anschließt und insbesondere dessen Unterscheidung
von Zweckwert und Lustwert mitmacht.

Das Ergebnis ist folgendes: »Es lassen sich dreierlei Kunstwertungen be-
stimmen: 1. Lustwertung, 2. absolute Wertung, 3. außerästhetische Wertung«
(S. 112). Die Lustwertung erteilt das Prädikat »schön«, die absolute Wertung
erteilt das Prädikat »künstlerisch wertvoll«, die außerästhetische Wertung erteilt
das Prädikat »reich«. Lustwertung und außerästhetische Wertung sind Zufallswer-
tungen und mithin relativ. Eine Vergleichbarkeit der Wertungen ist möglich: man
spricht mit Recht bei Kunstwerken von schöner oder von reicher. Bei der absoluten
Wertung dagegen »bezieht das Bewußtsein das Kunstding im Kunstgegebenen
(wesens-) zweckvoll auf sein ästhetisches Objekt. Ihr Gegebenes also ist das Kunst-
ding, die Wertbeziehung Zweckbeziehung. Diese Wertungen sind Wesenswer-
tungen ... man spricht hier nicht mehr von Genuß, sondern von Erkenntnis«.
Jede Vergleichung ist ausgeschlossen: »Man kann ein Kunstwerk nicht künstlerisch
wertvoller als ein anderes nennen, ebensowenig wie man seinen Wert absoluter
nennen könnte.«

Heidelberg. Hermann Glockner.

Richard Hamann, Kunst und Kultur der Gegenwart. 1922. Verlegt durch
das Kunstgeschichtliche Seminar in Marburg. Auslieferung durch die von Mün-
chowsche Verlagsbuchhandlung Otto Kindt Witwe in Gießen. 32 S.

Das bei geringem Druckumfang außerordentlich umfassend gestellte Thema läßt
uns auf den ersten Blick erkennen, worum es sich handelt. Ein Versuch, die gegen-
wärtige »geistige Lage« irgendwie zu »formulieren«, liegt vor uns. Wie kann so etwas
überhaupt geschehen und wie kann es auf zweiunddreißig Seiten geschehen ?

»Überhaupt« könnte es geschehen, indem man das selbst erlebte chaotische
Werden in die kosmische Form der Geschichte überführt. Eine wahrhaft groß-
artige Aufgabe! An ihre Erfüllung denkt Lessing, wenn er sagt, daß nur derjenige
den Namen eines Geschichtschreibers verdiene, der die Geschichte seiner eigenen Zeit
geschrieben habe. So wollte — um ein Beispiel zu geben — in der Mitte des ver-
flossenen Jahrhunderts Gervinus seine Zeit »in Geschichte überführen«, und auch
die Gegner seiner Art und Weise, die Dinge anzusehen, mußten zugeben, daß es ihm
wenigstens formal gelungen war.
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