Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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APOLLINISCHE UND DIONYSISCHE KUNST. -J\

fenden Künstlers. Wenigstens war dies damals der Fall, als er
zuerst die Begriffe konzipierte, während sich ihm später, in der bis
zur Abfassung der »Götzendämmerung« reichenden Periode, dadurch,
daß er jetzt alle Kunstwerke im Rausche, d. h. in einem Zustande
trunkener Begeisterung hervorgebracht werden ließ, gerade für den
Künstler selbst die Differenz verwischen mochte, so daß alles Kunst-
schaffen in seinen Augen nun mehr oder weniger den »dionysischen«
Charakter annahm.

Wenn man aber die Lehre Nietzsches von der apollinischen und
dionysischen Kunst einer kritischen Prüfung unterzieht, wenn man sich
die Frage vorlegt, ob diese Aufstellungen ganz und gar sinnlos und
willkürlich sind, oder ob sie nicht doch einen Kern von Wahrheit
enthalten, ob es nicht tatsächlich Phänomene gibt, auf die sich die
Begriffe anwenden lassen, mögen es auch zum Teil andere als die von
Nietzsche in erster Linie ins Auge gefaßten Erscheinungen sein, so
darf man nicht ausschließlich bei der Betrachtung des Kunstschaffens
verweilen. In dem Produkte dieses Kunstschaffens, also nicht im
Künstler, sondern in seinem Werke oder, genauer, strenger wissen-
schaftlich geredet (denn das Werk ist ja, vom Schauspiel abgesehen,
an sich etwas Totes, Seelenloses, des apollinischen so wenig als des
dionysischen Zustandes Fähiges): in der Art und Weise, wie die
anderen Menschen sich zum Werke des Künstlers verhalten und das-
selbe in sich aufnehmen, treten gewisse Gegensätze, welche mit den
von Nietzsche gemeinten innerlichst verwandt sind und sich daher recht
gut in den fremdartigen Bezeichnungen ausdrücken lassen, mit großer
Deutlichkeit hervor. Diese Gegensätze entspringen nicht aus den in-
dividuellen Eigentümlichkeiten der Personen, welche das Kunstwerk
genießen; sie liegen vielmehr insofern tatsächlich in dem Werke selber,
als je nach der Beschaffenheit desselben bei allen Individuen, die es
überhaupt verstehen, die seine Schönheit aufzufassen im stände sind,
das eine oder das andere, das apollinische oder das dionysische Ver-
halten sich unabweislich ergibt. Kurz gesagt: die Trennung des Apol-
linischen vom Dionysischen ist eine etwas ungewöhnliche, weil poeti-
sche Formulierung der Differenz zwischen affektfreien und mit Affekt-
erregung einhergehenden Kunstwirkungen. So gefaßt, erweist sich
nämlich die Unterscheidung als wissenschaftlich brauchbar und läßt
sich in sehr weitem Umfange aufrechterhalten, wobei es ziemlich
gleichgültig bleibt, ob Nietzsche selber seine Konzeptionen genau in
dieser Weise gefaßt hat. Daß er Ähnliches im Sinne gehabt hat, wird
kein sachkundiger Leser seiner Schrift: »Die Geburt der Tragödie«
verkennen. Im übrigen macht es der phantastische und unklare Cha-
rakter der ganzen Gedankenentwickelung dieser Schrift doppelt begreif-
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