Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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VII.

Persönliches und Sachliches aus meinen
ästhetischen Arbeitserfahrungen.

Von

Johannes Volkelt.

1.

Der Anschluß der Ästhetik an die Psychologie ist in den letzten
Jahrzehnten um ein Bedeutendes genauer und feiner geworden. Der
Ästhetiker von heute will eine in allen Teilen psychologisch durch-
gearbeitete Wissenschaft geben. Die analogiemäßigen, unwillkürlich
objektivierenden Ausdrücke, von denen die ältere Ästhetik voll ist,
sollen wenn auch nicht ausgemerzt werden, so doch nicht mehr als
ein Eigentliches und Letztes gelten; vielmehr soll überall die nackte
Bezeichnung der seelischen Vorgänge, auf die sich alles Ästhetische
zurückführt, das Ziel der Untersuchung bilden.

Innerhalb dieses gemeinsamen Bestrebens macht sich nun aber
doch ein bedeutsamer Unterschied bemerkbar. Der psychologische
Ästhetiker braucht den hauptsächlichen Anstoß zu seinen Unter-
suchungen keineswegs von psychologischen Fragen her empfangen
zu haben; und auch während des Arbeitens braucht das Bestreben,
die ästhetischen Bewußtseinsvorgänge den psychologischen Gesetzen
einzugliedern, keineswegs die Haupttriebfeder zu sein. Vielmehr kann
es sich auch so verhalten, daß der Hauptanstoß zur ästhetischen
Arbeit und die sie beherrschende Triebfeder in dem Interesse liegen,
das ein wissenschaftlicher Mensch an seinen ästhetischen Eindrücken,
an den von ihm in regem Verkehr mit der Kunst gemachten Erfah-
rungen nimmt. Er möchte vor allem in die ästhetischen Gefühle und
Vorstellungen Ordnung hineinbringen, der Kunst wissenschaftlich ge-
recht werden, die Ergriffenheit, die er angesichts des Ästhetischen er-
fährt, den Zauber, der von dem Schönen und Erhabenen ausgeht,
verstehen und deuten.

So gibt es also zwei Richtungen im Betriebe der psychologischen
Ästhetik. Die eine interessiert an den ästhetischen Vorgängen vor
allem dies, daß sie ein Glied in dem psychologischen Gesamtzusam-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. I. 11
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