Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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Besprechungen.

Benedetto Croce, Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks und allge-
meine Linguistik. Theorie und Geschichte. Nach der zweiten durchge-
sehenen Auflage aus dem Italienischen übersetzt von Karl Federn. Leipzig,
Verlag von E. A. Seemann, 1905. 8°. XIV u. 494 S.

Als ich mein Buch über Ästhetik fertigstellte, da hatte ich von Croces Werk
nur einen flüchtigen Eindruck empfangen. Mit um so größerem Interesse habe ich
es jetzt durchgesehen und möchte nun den Lesern dieser Zeitschrift kurzen Bericht
erstatten.

Von den beiden Hauptteilen ist der geschichtliche um das Doppelte länger als
der theoretische. Er enthält sehr reichen und vielfach bisher unbekannten Stoff.
Namentlich die italienische Ästhetik, von der wir Deutsche doch recht wenig wissen,
findet sich genau dargestellt. Nach Croces Meinung verdient nicht etwa Baum-
garten, sondern G. B. Vico (1725) den Ehrennamen eines Entdeckers unserer Wissen-
schaft, und was er aus Vicos Schriften berichtet, ist in der Tat interessant genug.
Auch von de Sanctis und seinem Verhältnis zu Hegel weiß der Verfasser Neues
mitzuteilen. Im übrigen verzeichnet er Theorien aus allen Zeiten und Ländern,
ohne doch einen Zusammenhang herzustellen, ja selbst ohne die Grundsätze der
Auswahl stets deutlich erkennen zu lassen. Anfänglich wird der Begriff der Wahr-
scheinlichkeit in einer fruchtbaren Weise herausgearbeitet, in den späteren Teilen
fehlt ein solcher Leitbegriff. Was das Urteil anlangt, so schätzt Croce Schleier-
macher sehr hoch, wendet sich aber mit übertriebener Schärfe gegen die forma-
listische und gegen die experimentelle Ästhetik. Der Abschnitt über Fechner (vgl.
auch schon S. 105) ist mißglückt. Überhaupt verfährt Croce leicht ungerecht und
behauptet ohne näheren Beweis: diese oder jene Theorie sei falsch, unnötig, sinnlos.
Bei manchen der so im Handumdrehen abgetanen Theorien weiß ich allerdings
nicht, worauf sich der Verfasser eigentlich bezieht.

Seine eigene Lehre wurzelt in dem Gedanken, daß ästhetische Form als geistige
Äußerung mit der Sprache als der ursprünglichsten geistigen Äußerung gleichgesetzt
werden könne. Die Phantasie oder das Ausdrucksvermögen, der Urgrund der ästhe-
tischen Vorgänge, ist eine Erkenntnis des Besonderen. Man darf sie auch eine
intuitive oder anschauliche Erkenntnis nennen. Denn »der Geist erkennt nicht
intuitiv außer durch eine Tätigkeit, durch ein Formgeben, ein Ausdrücken . . . Die
intuitive Tätigkeit erkennt ebensoviel wie sie ausdrückt.« Gemeint ist: die Anschau-
ung einer Figur ist nur so weit klar wie die Fähigkeit reicht, sie zu zeichnen; ein
Gefühl ist nur dann intuitiv und vollständig erfaßt, wenn es gelingt, es in Worte
zu kleiden. Daß hiernach Äußeres und Inneres als Gegenstand einer und derselben
Intuition sich darstellt, scheint mir bedenklich. Eine weitere ärgerliche Folge ist,
daß nunmehr die Kunst wissenschaftlich gar nicht abgegrenzt werden kann und
daß jeder Versuch einer Einteilung der Kunstarten abgelehnt wird. Endlich tritt
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