Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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XII.

Die sprachlichen Hilfsmittel für Verständnis
und Wiedergabe von Ton werken.

Von

Olga Stieglitz.

1. Einleitung.

»Von allen schaffenden Künstlern ist der Komponist fast der ein-
zige, der seine geistigen Erzeugnisse nur unter Beihilfe einer Reihe
von Mittelspersonen an die Öffentlichkeit bringen kann, von Mittels-
personen, in deren Hand der Erfolg oder Mißerfolg des Werkes liegt,
die es verzerren, vernichten, aber auch heben können.«

Mit diesen Worten kennzeichnet H. Berlioz1) treffend des Ton-
setzers eigentümlich unsichere Lage gegenüber der Mit- und Nach-
welt, in der kein anderer Künstler ihm gleicht. Architekten, Bildhauer,
Maler legen ihre Ideen in greif- und sichtbarem Material nieder; in
ihren Werken ist der Kampf mit dem Stoff während der Arbeit zum
Austrag gebracht. Nach der Vollendung besitzen diese ein selbstän-
diges Fürsichsein und bieten sich dem Beschauer, solange sie vor
äußerer Beschädigung geschützt bleiben, in stets gleicher Gestalt dar.
Auch der Dichter steht dem Urteil der Öffentlichkeit verhältnismäßig
selbständig gegenüber.

Allerdings ist alle Poesie ursprünglich bestimmt, laut- und hörbar
gemacht zu werden, und gelangt zu voller Wirkung erst im künst-
lerischen Vortrag. Durch des Menschen enge Beziehungen zur Sprache
vermag indessen jeder Gebildete einen Teil der formalen Schönheiten
einer Dichtung sich ohne weiteres zu verwirklichen, während ihr
begrifflicher Inhalt schon beim stummen Lesen ebensogut aufgefaßt
wird. Übler daran ist freilich der Dramatiker, denn der Erfolg seiner
Werke ist in hohem Grade abhängig von der szenischen Darstellung.
Wie Erfahrung lehrt, ist er aber keineswegs einzig dadurch bedingt,
denn die Meisterdramen unserer großen Dichter sind Gemeinbesitz

') »Die Kunst des Dirigierens.« (Auf moderner Grundlage bearbeitet und er-
weitert von C. Frhr. v. Schwerin. S. 3.)
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