Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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II.
Die ästhetische Illusion im 18. Jahrhundert.

Von
Konrad Lange.

Es ist merkwürdig, wie oft man in der Geschichte der Ästhetik
auf Oedankenreihen stößt, die sich mit denen der Illusionstheorie be-
rühren. Für mich ist das ganz besonders interessant, denn meine
ästhetischen Überzeugungen haben sich in einer Zeit gebildet, in der
ich mich noch wenig mit Geschichte der Ästhetik beschäftigt hatte.
Ich will auch diese Zeugnisse keineswegs für die Richtigkeit meiner
Theorie ins Feld führen, zumal da diese, wie ich glaube, die Garantie
der Wahrheit in sich selbst trägt. Aber man wird mir nicht verdenken,
wenn ich von Zeit zu Zeit an meine Vorgänger erinnere. Gewiß,
Goethe und Schiller waren keine Psychologen in unserem Sinne. Man
würde ihnen heute vielleicht höchstens den Namen von »Popular-
psychologen« oder »Reflexionspsychologen« zubilligen. Aber vielleicht
fühlten sie doch die Kunst lebhafter als diejenigen, die heutzutage den
Anspruch machen, sie allein psychologisch exakt analysieren zu können.
Jedenfalls dürfen wir ihre Lehren, wenn nicht als mehr, so doch als
unverächtliche Zeugnisse der Selbstbeobachtung gelten lassen, die
sich unserem Gedankengange in erfreulicher Weise einfügen. Ich will
mit ein paar Aussprüchen von Schiller beginnen, die mir immer sehr
bezeichnend erschienen sind.

Wie hat man sich nicht in gewissen Kreisen darüber entrüstet,
daß die Illusionsästhetik den unmittelbaren Zweck der Kunst im Ver-
gnügen erkennt! Und wie denkt Schiller hierüber? Genau wie die
Illusionsästhetik. In seiner Abhandlung über den Grund unseres Ver-
gnügens an tragischen Gegenständen, deren Titel schon sehr bezeich-
nend ist, sagt er: »Wie sehr auch einige neuere Ästhetiker sich's zum
Geschäft machen, die Künste gegen den allgemeinen Glauben, daß sie
auf Vergnügen abzwecken, wie gegen einen herabsetzenden Vorwurf
zu verteidigen, so wird, dieser Glaube dennoch nach wie vor auf seinem
festen Grunde bestehen, und die schönen Künste werden ihren alt-
hergebrachten, unbestreitbaren und wohltätigen Beruf nicht gern mit
einem neuen vertauschen, zu welchem man sie großmütig erhöhen
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