Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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XXI.

Die musikästhetischen Anschauungen der
frühesten christlichen Kirche.

Von
Hermann Abert.

Der Streit um das Wesen und die Aufgabe der Kirchenmusik ist
so alt wie die gottesdienstliche Tonkunst selbst. Von jeher hat es
sich dabei um die Frage gehandelt, wie weit innerhalb des Gottes-
dienstes die rein ästhetische Seite der Musik zur Entfaltung kommen
darf, ob der Tonkünstler sich in seinem Schaffen lediglich den Zwecken
und Zielen der Kirche anzupassen hat oder ob er mit den Ausdrucks-
mitteln seiner Kunst auch innerhalb des Gotteshauses frei schalten
und walten darf.

Die moderne Zeit, die sich in ihren künstlerischen Anschauungen
der früheren kirchlichen Gebundenheit längst entzogen hat, ist geneigt,
auch dem Kirchenkomponisten in der Wahl des musikalischen Aus-
drucks volle Freiheit zuzugestehen, und die Künstler selbst machen
von dieser Freiheit den weitestgehenden Gebrauch — falls sie über-
haupt ihr Schaffen noch in den Dienst der Kirche stellen. Denn der
Rückgang des Interesses an der kirchlichen Tonkunst während der
letzten fünfzig Jahre liegt beim Laienpublikum wie bei den Künstlern
deutlich zu Tage. Noch R. Schumann erblickte in der Kirchenmusik
das höchste Ziel des Tonkünstlers, heutzutage dagegen gehören Män-
ner wie Anton Brückner, die selbst in weltlichen Kompositionen ihrer
streng kirchlichen Frömmigkeit auf Schritt und Tritt Ausdruck ver-
leihen, zu den seltenen Ausnahmen. Die Tonkunst selbst aber ist
dadurch um eines ihrer reichsten und fruchtbarsten Gebiete ärmer ge-
worden. Dieser Niedergang der Kirchenmusik hat seine Wurzel in
der allgemeinen Tendenz unserer Zeit, die Musik, wie die Kunst über-
haupt, auf eigene Füße zu stellen und von jeder Dienerrolle zu be-
freien. Der in der musikalischen Renaissancezeit auch für die Ton-
kunst verkündigte Grundsatz »l'art pour l'art« hat in moderner Zeit
dahin geführt, daß sie zur freien, selbstherrlichen Konzertkunst ward
und damit die meisten ihrer früheren Berührungspunkte mit dem täg-
lichen Leben und Treiben unseres Volkes allmählich einbüßte. Nur
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