Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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MUSIKANSCHAUUNG DER FRÜHESTEN KIRCHE. 527

schwer vermag sich der moderne Tonkünstler dazu zu entschließen,
sein Schaffen einem außermusikalischen Zwecke, und wären es auch
die Bedürfnisse des Gottesdienstes, unterzuordnen. Wir sind heute
zu Anschauungen über Wesen und Beruf der Kirchenmusik gelangt,
die den geraden Gegenpol derjenigen bilden, welche die Kirche der
ersten christlichen Jahrhunderte entwickelt hat.

Soviel schon über die frühmittelalterliche Tonkunst und ihre Be-
ziehungen zur antiken geschrieben worden ist, ihre ästhetische Grund-
lage ist dabei nur flüchtig gestreift worden. Und doch ist gerade sie
es gewesen, welche der kirchenmusikalischen Tätigkeit bis an die
Schwelle der Neuzeit Richtung und Wege gewiesen hat. Es handelt
sich hier um Fragen, welche nicht allein für die Geschichte der musi-
kalischen Ästhetik, sondern für die gesamte Kulturgeschichte jener
Periode der Gärungen auf allen Gebieten die höchste Bedeutung be-
sitzen. Denn gerade die Tonkunst war es, die den Boden des Geistes-
kampfes abgab, im Streite um das neue Musikideal der jungen christ-
lichen Kirche spiegeln sich die allgemeinen geistigen Strömungen der
Zeit aufs deutlichste wieder1).

Die Begründer dieser frühesten christlichen Musikästhetik waren
keine Musiker von Fach, sondern Laien. Neben den Schöpfern des
musikalischen Dramas um 1600 stellen diese ersten christlichen Kirchen-
väter das lehrreichste Beispiel dafür dar, wie viel die Musik gerade an
den entscheidenden Wendepunkten ihrer Entwicklung der Mitarbeit
des Dilettantentums zu verdanken hat.

Die geschichtliche Entwickelung kennt keine Sprünge. Auch die
Kirchenväter haben kein neues Evangelium der Musikästhetik ver-
kündigt, sondern sich an bereits bestehende Ideenkreise angeschlossen.
Nur lagen die verborgenen Lebensherde, die inmitten der allgemeinen
Zersetzung und Zerstörung das Neue vorbereiten halfen, nicht auf
dem Gebiete der musikalischen Fachtheorie, sondern auf dem der
Philosophie. Die letzten philosophischen Systeme des Altertums, das
neupythagoreische, das jüdisch-alexandrinische und vor allem das neu-
platonische sind die letzte Quelle der frühchristlichen Musikästhetik.
Der enge innere Zusammenhang zwischen Christentum und Neuplato-
nismus ist von philosophischer wie von theologischer Seite längst
zum Gegenstand eingehender Untersuchung gemacht worden; die
musikhistorische Forschung dagegen hat sich bis jetzt meist mit rein
theoretischen Erörterungen begnügt und dabei kaum beachtet, welche
große Bereicherung ihres Wissensstoffes hier gewissermaßen am Wege
liegt.

') Vgl. meine »Musikanschauung des Mittelalters«, Halle 1905, S. 69 ff.
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