Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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IX.

Der Stil der japanischen Lackkunst.

Von

Ernst Große.

Der Stil einer jeden Kunst hängt von ihrem Materiale und von
ihrer Technik ab. Da die Technik fortwährend bereichert und ver-
feinert wird, so würde auch der Stil entsprechender Veränderungen fähig
sein, wenn ihm die unveränderliche Eigenart des Stoffes nicht feste
Grenzen setzte, die er nicht überschreiten kann, ohne seinen künst-
lerischen Wert zu verlieren. Eine übermächtige und überkünstliche
Technik, welche das Material vergewaltigt, zerstört seine natürliche
Schönheit anstatt sie zu entfalten und zu erhöhen. Der Stil läßt sich
also zwar vielleicht praktisch aber gewiß nicht ästhetisch willkürlich
ummodeln; er steht unter einem festen Gesetze, das in dem unver-
änderlichen Wesen seines Stoffes beruht.

Alles dies gilt in einem besonderen Maße von den Zierkünsten,
für welche der Stoff eine viel größere Bedeutung hat als für die
übrigen. Denn während er für diese nur Mittel, ist er für jene zu-
gleich der eigentliche Gegenstand der Darstellung. Der Plastik z. B.
muß der Ton als Material für Gebilde dienen, deren Charakter und
Schönheit seiner eigenen Natur fremd sind, die keramische Kunst da-
gegen gibt ihm Formen, in denen sich zuerst sein eigenes Wesen
möglichst klar und schön ausdrücken soll. Deshalb bedarf vor allen
anderen der Zierkünstler eines gesunden und feinen Gefühles für die
ästhetische Eigenart und das stilistische Gesetz der verschiedenen
Stoffe; denn sonst bleibt auch der kühnsten Phantasie und der ge-
schicktesten Hand gerade das Beste unerreichbar. Was dagegen ein
geniales Verständnis für das Material zu leisten vermag, zeigt vielleicht
am klarsten die Zierkunst der Japaner, die in allen ihren Zweigen un-
zählige Werke von einer so vollkommenen Harmonie von Stoff und
Form hervorgebracht hat, wie sie sonst nur die Natur selbst erzeugt.
Auf der anderen Seite aber haben sich die japanischen Meister durch
ihre wunderbare technische Geschicklichkeit auch oft genug verlocken
lassen, die natürlichen Stilgesetze zu überspringen, so daß man sowohl
das richtige wie das falsche Verhältnis zwischen Material, Technik
und Stil nirgends besser studieren kann.
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