Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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IBSENS ALTERSKUNST. 525

Variierung der Ausdrücke, in einer Art Parallelismus wie in der Wahl
der Worte nähert Ibsen sich der Poesie hier weit mehr als in Allmers'
Erzählung. »Det pust virker som Uvsluft pd mig. Det pust kom-
mer tll mig som en hilsen fra underdanige ander. Jeg fornemmer
dem de bundne millioner, jeg foler malmärerne, som strcekker sine
bugtede, grenede, lokkende arme ud efter mig« und später das drei-
mal wiederholte: »Jeg elsker«. Lyrische Wendungen wie diese werden
häufiger: »mod stjernerne og Imod den störe stilhed« (zu den Sternen
empor und zu der großen Stille: »Eyolf«) oder »bare et bur havde
jeg« (nur einen Käfig hatte ich: »Baumeister Solneß«). Ein Bibelwort
wird lyrisch verwendet: »um des Reiches, der Macht und der Herr-
lichkeit willen« (»for rigets-og magtens-og-aerens skyld«: »Borkman«).
Solche Worte, so einfach sie sind, drücken für Ibsen jetzt unendlich
viel aus. Warum sie ihm so bedeutungschwer werden, erkennt man
erst, wenn man beobachtet, wie jetzt in Worte und Bilder der gleiche
Lebensinhalt hineingedrückt wird, den zu entfalten es einst gewaltiger
Handlungsmassen bedurft hat.

Und wenn dieses Streben nach einem lyrisch-dramatischen Stil,
der für die eigentümliche, den letzten Geheimnissen zugewandte
Altersstimmung Ibsens das beste Werkzeug scheint, in »Solneß« und
»Eyolf« nicht völlig gelingt, wenn im spätesten Drama die Lyrik hin
und wieder zu erstarren scheint unter dem allzu kühlen Hauch des
Denkens über das Leben — ein Werk gibt es, das diesen Stil in
vollendeter Weise ausprägt, Ibsens reichstes Alterswerk: »John Gabriel
Borkman«.
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