Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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250 OLGA STIEGLITZ.

breiter Schichten der Bevölkerung; sie werden von Tausenden genossen
und gewürdigt, welche niemals Gelegenheit hatten, sie aufgeführt
zu sehen.

Der Komponist hingegen ist einzig und allein auf die Reproduktion
verwiesen. Seine graphischen Zeichen sind der Schriftsprache nicht
gleich; sie bieten keine Gewähr für unmittelbares Verständnis. Nur
wenige Auserwählte besitzen die Fähigkeit, allein aus dem Notenbilde
die beabsichtigte akustische oder künstlerische Wirkung zu ermessen.
Auch für den Durchschnitt musikalisch Gebildeter ist ein Tonstück
erst vorhanden, wenn es erklingt. Der Tonschöpfer bedarf daher, um
sich gegenwärtigen wie kommenden Geschlechtern mitzuteilen, durch-
aus der Hilfe anderer. In höherem Grade als für den Dichter besteht
mithin für ihn Wunsch und Notwendigkeit, zwischen sich und den
Reproduzierenden ein Verständnis zu erzielen. Diese Aufgabe gestaltet
sich aber durch die Sonderart seiner Kunst zu einer äußerst schwierigen.
Weil Musik der begrifflichen wie der realen Welt gleich fern steht,
spottet sie im wahren Sinne des Wortes aller Beschreibung. Nur
durch das Werk selbst vermag der Komponist auf den Ausführenden
zu wirken.

Die jetzige Notenschrift bestimmt die Töne in Hinsicht auf Gleich-
zeitigkeit und Folge, absolute Höhe und Tiefe, sowie relative Dauer.
Vermittels der Wahl der Instrumente oder Stimmgattungen (Klavier,
Violine, Tenor, Alt u. s. w.) werden ferner die allgemeinen (wenn auch
nicht die individuellen) Klangfarben, bezw. deren Mischungen bezeichnet.
Damit sind die positiven Bestimmungen erschöpft, abgesehen von
etwaigen mit der Behandlung der Instrumente zusammenhängenden
technischen Vorschriften. Jedem Musikverständigen ist es klar, daß
. hierdurch für die Ausführung auch des einfachsten Tonstückes nur
eine dürftige Skizze geliefert wird.

Der Phantasie des künstlerischen Komponisten — und nur von
einem solchen kann hier die Rede sein — schwebt jedes seiner Werke
nicht als ein Mosaik von Tönen, sondern als ein Organismus vor,
dessen einzelne Glieder in einem Zusammenhange stehen, der durch
Melodie, Harmonie, Rhythmus und Klangfarbe nicht erschöpft wird.
Diese Bestandteile bilden nur das anatomische Gerüst des Tonkörpers,
der erst durch eine Wechselwirkung verschiedener Energieen Leben
gewinnt. Geschwindigkeits- und Stärkegrade mit ihren Änderungen
sind die tätigen Kräfte, welche jedem Tonstücke sein eigentümliches
Gepräge, sein Ethos geben. Von der richtigen Wahl und Verwendung
dieser Mittel hängt es wesentlich ab, ob die vom Komponisten beab-
sichtigten Wirkungen erfüllt, verändert oder verunstaltet werden. Es
ist daher das naturgemäße Interesse des Tonschöpfers, seine Interpreten


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