Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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248 HUGO SPITZER.

Wartung; sympathische Teilnahme kann sich als Besorgnis oder als
Hoffnung darstellen, Stolz als Erbitterung, Liebe als Trauer er-
scheinen u. s. f. Niemandem aber wird es in den Sinn kommen,
solche Affektkombinationen, in welchen etwa eines der Ingredienzien
konstant bleibt, als eine weitere natürliche Gattung den ursprünglichen
Affektgattungen anzureihen, und somit würde auch durch das Zu-
treffen jener möglichen Annahme einer ästhetischen Unselbständigkeit
oder Ergänzungsbedürftigkeit der Affekte die Parallele mit den ethi-
schen Gefühlen in ihrer Beweiskraft gegen die Klasse der ästhetischen
Gemütsbewegungen nicht bloß nicht geschwächt, sondern vielmehr
für den Fall, daß in allen moralischen Emotionen tatsächlich Regungen
des sogenannten »Pflichtgefühls«, d. h. aus dem Pflichtbewußtsein
entspringende Gefühle enthalten sind, nur noch verstärkt und befestigt
werden. Es bleibt unter allen Umständen wahr, daß eine Koordination
der ästhetischen Gefühle mit den Grundtypen oder natürlichen Klassen
der Affekte nicht durchzuführen ist. Jodls allgemeines Schema der
Gefühlsauffassung sowie der Auffassung der psychischen Tatsachen
überhaupt leistet auch hier die vorzüglichsten Dienste und bewährt
sich als ganz besonders lichtbringend. Die Fülle der Erscheinungen
des Seelenlebens wächst diesem Schema zufolge aus gewissen elemen-
taren Bewußtseinsgestaltungen hervor, die sich zum Teile selber um-
wandeln und verfeinern, zum Teile eine Differenzierung dadurch er-
fahren, daß sie mannigfach wechselnde Verbindungen eingehen, sich
höher entwickelten wie einfachen, primitiven wie vervollkommneten
Formen anderer psychischer Prozesse zugesellen. So sind denn auch
die ethischen und ästhetischen Gefühle nicht durchaus neue, eigen-
artige, bis in die Wurzeln herab von den übrigen Gemütsbewegungen
verschiedene Gebilde, sondern man trifft hier die wohlbekannten Affekte
wieder an, nur — das zeigt sich bei den ethischen Emotionen — auf
eine bestimmte, von sozialen Momenten abhängige Stufe der Bewußt-
seinsentwickelung erhoben oder — und dies gilt eben von den Affek-
ten im Dienste der Kunst, den Gemütsbewegungen des ästhetischen
Genusses — unter bestimmten, durch das allgemeine Verhalten des
Subjekts gekennzeichneten Bedingungen wirksam.

(Fortsetzung folgt.)
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