Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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116 BESPRECHUNGEN.

rerer, neuerdings viel erörterter Begriffe der Ästhetik und der angrenzenden Ge-
biete — einen Überblick, der durch die klare, durchwegs der empirisch-psychologi-
schen Methode sich bedienende Darstellung bedeutend erleichtert wird.

Der Grundgedanke des Buches besteht in der Auffassung der ästhetischen Ge-
fühle als Vorstellungsgefühle. Da der Verfasser auf dem Boden der Lust-Unlust-
theorie steht, so können die ästhetischen Gefühle für ihn nur durch ihre Voraus-
setzung als solche charakterisiert werden, und diese Voraussetzung findet er in den
anschaulichen Vorstellungen.

Der Gedanke selbst ist nicht neu. Er gründet sich auf den Begriff des inter-
esselosen Wohlgefallens und ist, positiv gewendet, neuerdings von Külpe nachdrück-
lich vertreten worden. Indessen ergibt die Anwendung des Gedankens auf die ver-
schiedenen Klassen der vom Verfasser aufgestellten Ȋsthetischen Elementargegen-
stände« einige neue und interessante Folgerungen.

Besonders für den Genuß an »Objektiven«. Unter Objektiven versteht der Ver-
fasser — nach Meinong — Denkgegenstände zum Unterschiede von Vorstellungs-
gegenständen, also Ereignisse, Zustände, Tatsachen, somit auch alles, was den Inhalt
einer Dichtung ausmacht. Sind nun ästhetische Gefühle Vorstellungsgefühle, so kann
der Inhalt einer Dichtung unmittelbar nicht ästhetische Gefühle auslösen; er kann es,
so führt Verfasser aus, nur mittelbar, nämlich 1. durch die Vorstellungsgegenstände,
die er enthält und vermittels welcher die Objektive zum Ausdruck gebracht werden
(Gleichnisse, Allegorien), und 2. durch die Einfühlungs- und Anteilsgefühle, die er
erweckt, und welche ihrerseits anschaulich vorgestellt werden. »Allerdings hängt
die Schönheit der Novelle an ihrem Inhalte, aber doch nur ungefähr so, wie etwa
der Wert an einem Schiff, das Kostbarkeiten führt, der Blütenduft am Winde, der
über Flieder streicht. Nicht selbst schön ist das Objektiv, es kann nur Schönes
bringen oder es vermitteln« (S. 169).

Der Genuß an Ausdruck und Stimmung ist, gemäß der Grundauffassung des
Verfassers, ebenfalls Genuß an einer anschaulichen Vorstellung, nämlich an der Vor-
stellung vom Psychischen. Damit tritt Witasek, wie aus seinen früheren Ausfüh-
rungen1) bereits bekannt, in Gegensatz zu der Aktualitätsansicht, nach welcher der
Ausdrucksgenuß im Selbsterleben des Ausgedrückten besteht. Beiläufig sei hierzu
bemerkt, daß derselbe Gedanke, der den Verfasser in Bezug auf die Objektive zu
einem extrem formalistischen Standpunkte trieb, ihn in Bezug auf Ausdruck und
Stimmung zum ausgesprochenen »Gehaltsästhetiker« macht: »Gegenstand des ästhe-
tischen Vergnügens an einem Ausdrucksvollen ist nicht, daß es ausdrückt, son-
dern das, was es ausdrückt« (S. 103).

Am wenigsten gelungen scheint mir die Durchführung des Grundgedankens an
den normgemäßen Gegenständen. Die Schönheit des Nonngemäßen erklärt der Ver-
fasser durch Gefühlsübertragung. Der normgemäße Gegenstand, so meint er, war
ursprünglich wertvoll, d. h., nach der Meinongschen Terminologie, es entsteht ein
Lustgefühl in mir, wenn ich daran denke, d. h. urteile, daß er ist. Das an das
Urteil gebundene Wertgefühl, nämlich die dem Objektiv zugewendete Gefühlsregung,
knüpft sich nun, wenn das Urteil einmal ausbleibt, auch an die in ihm enthaltene
bloße Vorstellung, aus dem Urteilsgefühl wird ein Vorstellungsgefühl. — Man sieht,
diese Theorie nähert sich bedenklich jener vom Verfasser selbst belächelten bio-
logischen Raserei, welche den ästhetischen Reiz der roten Farbe dadurch erklärt,
daß die Früchte, von denen sich einstmals unsere affenartigen Vorfahren nährten,

') »Zur psychologischen Analyse der ästhetischen Einfühlung.« Zeitschr. f.
Psych, u. Phys. d. Sinnesorgane, Bd. 25, 1901.
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