Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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118 BESPRECHUNGEN.



faltigkeit des ästhetischen Geschehens. Als einen ersten Klassifizierungsversuch
stellt Witasek fünf Elemente auf, die im Verlaufe der Darstellung auf vier reduziert
werden, nämlich:

Einfache Empfindungsgegenstände.

Gestalten.

Normgemäße Gegenstände.

Das Ausdrucks- und Stimmungsvolle.

Objektive (Ereignisse, Zustände u. s. w.).
Die Fruchtbarkeit dieser Aufstellung von Elementen erweist sich besonders in dem
Kapitel, welches überschrieben ist: »Zusammenwirken der Gefühlsfaktoren«, und
welches unter diesem Titel die ästhetischen Modifikationen behandelt. »Die Ver-
einigung von Elementargegenständen verschiedener Klassen, wie sie die konkreten
ästhetischen Gegenstände in der Regel aufweisen, führt zum Zusammenwirken von
rein ästhetischen Gefühlsfaktoren. Daraus ergeben sich die verschiedenen Besonde-
rungen des konkreten rein ästhetischen Verhaltens zugleich mit den Hauptklassen
der ästhetischen Eigenschaften, den Modifikationen des Ästhetischen, wie man sie
zumeist genannt hat. Ein vollständiges System derselben, das allen Anforderungen
der Exaktheit, soweit sie der vorliegende Gegenstand überhaupt zuläßt, Genüge
leistet, ist durch allseitige Kombination der Elementarfaktoren zu erzielen« (S. 272
bis 273). Solcher Kombinationsprodukte erhält Witasek 46, eine Zahl,_die, wie wir
ihm ohne weiteres zugeben müssen, »zur Vielgestaltigkeit des Ästhetischen über-
haupt ungleich besser und genauer paßt, als jenes dürftige und schwankende Schema,
nach welchem sich das populäre Denken in ihr zurechtzufinden trachtet«.

Überblickt man, auf wie verschiedenartige und stets unzureichende Art das Ver-
hältnis des Schönen zu seinen Modifikationen von den früheren Ästhetikern behandelt
worden ist, so erscheint es fast wie das Ei des Kolumbus, in den ästhetischen
Modifikationen das Zusammenwirken verschiedener ästhetischer Elemente zu sehen.
Leider hat Witasek diesen Gedanken nicht in voller Klarheit durchgeführt. Als
Modifikationen im strengen Sinne läßt er nur Schönheit und Häßlichkeit — Lust und
Unlust — gelten. Das Tragische, Liebliche, Anmutige u. s. w. nennt er treffend
nur Modifikationen des ästhetischen Gegenstandes, nicht des ästhetischen Gefühls,
aber indem er zu den Elementen, deren Kombination die Modifikationen ergeben
soll, lust- und unlustvolle, ethisch betonte und ethisch unbetonte Einfühlungs- und
Anteilsgefühle hinzunimmt, vermengt er selbst wieder stoffliche Elemente mit den
rein ästhetischen. — Überhaupt kann die Aufstellung der Elemente und Modifi-
kationen natürlich noch nicht als endgültig angesehen werden. So z. B. wäre zu
fragen, ob die normgemäßen Gegenstände, denen Witasek nur indirekte Schönheit
zuspricht, als Element aufgefaßt werden können. Anderseits vermisse ich in Wita-
seks Klassifikation eins der wichtigsten ästhetischen Elemente: das Verhältnis der
einfachen Empfindungsgegenstände und der Gestalten zur inneren Schönheit. Doch
sind diese Ausstellungen irrelevant gegenüber der Bedeutung, welche, für eine allge-
meine wissenschaftliche Ästhetik, dem Witasekschen Versuch schon als Versuch
zukommt. Aufs glücklichste sind darin alle Einteilungen nach den ästhetischen Ele-
menten der einzelnen Sinne sowohl wie der einzelnen Künste vermieden und allge-
meine, leicht und klar voneinander sich sondernde Gruppen gefallender Gegenstände
herausgehoben.

Basel. Edith Landmann-Kalischer.
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