Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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202 ERNST GROSSE.

einzelne Hemmungen und Störungen erlitten, aber niemals eine eigent-
liche Unterbrechung, niemals eine unheilbare Verkrüppelung. Und ge-
rade dieser wesentlich ganz gesunde normale Verlauf macht ihre Ge-
schichte für die Erkenntnis des Lebensgesetzes des künstlerischen
Stiles so wertvoll. Der Übergang von dem einfachen und natürlichen
zu dem komplizierten und künstlichen Stile, von der objektiven Ge-
setzmäßigkeit zu der subjektiven Willkür, vom naiven Künstlertume
zum bewußten Virtuosentume ist unvermeidlich. Er muß sich überall
vollziehen, wo sich eine Kunst frei entwickeln kann. Die Überlegen-
heit der älteren Kunstwerke beruht nicht auf einem geistigen Vorrange
der älteren Künstler, sondern auf ihrem zeitlichen Vortritte. Zu ihrer
Zeit ist das Feld der Motive noch nicht abgeerntet und die Abhängig-
keit der Technik vom Materiale noch nicht gelockert. Selbst wenn
sie gegen das Stilgesetz des Stoffes sündigen wollten, sie könnten es
gar nicht; denn sie gebieten noch nicht über die nötigen technischen
Mittel. Aber nichts dauert: Menschen und Dinge drängen weiter.
Das Schönste veraltet; man verlangt nach neuen Dingen und neuen
Formen. Die späteren Meister sind nicht etwa geringer begabt als
ihre Vorgänger, im Gegenteile, vielleicht hat die Lackkunst zu keiner
Zeit größere Talente aufzuweisen gehabt als im 17. und im 18. Jahr-
hundert, — aber sie leben und schaffen in ganz veränderten Verhält-
nissen. Der Schatz der besten und natürlichsten Motive ist erschöpft;
die technischen Mittel haben sich vermehrt; und zugleich hat sich das
Bedürfnis erhoben, gegenüber den Meistern und Werken der Ver-
gangenheit die Eigenart der Lebenden zu betonen und zu behaupten.
Die natürliche Folge ist eine immer reichere Ausbildung und eine
immer willkürlichere Verwendung der Technik. Der Inhalt wird der
Form geopfert, das Gesetz der Laune, die Sache der Kunst der Person
des Künstlers. Es ist gerade die Größe und die Schönheit der alten
Kunst, die der jüngeren zum Verhängnisse wird. Wenn das Beste schon
geleistet ist und etwas anderes geleistet werden soll, so muß das
Neue das Schlechtere sein. Die Kunst sinkt und fällt am Ende unter
der Last ihrer eigenen Werke.

Die japanische Lackkunst ist nicht durch europäische Einflüsse
getötet worden; sondern sie ist gestorben, weil ihr Lebenslauf voll-
endet war. Sie hat sich völlig ausgelebt; sie hat das ästhetische
Wesen ihres Stoffes vollkommen erschöpft und künstlerisch dargestellt;
sie hätte in aller Zukunft sicherlich nichts Schöneres hervorbringen
können als was sie in der Vergangenheit geschaffen hat.
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