Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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214 RUDOLF AMESEDER.

auch um ein durch Wertgefühle begründetes wertästhetisches Ver-
halten.

Sehr häufig wird man beobachten können, daß eine neue Er-
kenntnis der Beschaffenheit eines Objektes das ästhetische Verhalten
zu ihm beeinflußt. Besitzt man auch nur alltägliche Erfahrungen über
den Zusammenhang von Zweckmäßigkeit und Schönheit, so wird das
Urteil über die Zweckmäßigkeit eines Objektes leicht zu dem weiteren
Urteil führen, daß es die Fähigkeit habe, ästhetisch zu wirken, auch
wenn es gerade nicht ästhetisch wirkt. Wie aber dieses Urteil zu
einer emotionellen ästhetischen Reaktion führen kann, ist weiter oben
besprochen.

Natürlich besteht das wertästhetische Verhalten auch dieser letzten
Gruppe nicht nur in Unlust. Wo Konsequenz der Darstellung in be-
sonders günstiger Weise zum Erfassen gelangt, stellen sich positive
ästhetische Gefühle von ziemlicher Stärke ein.

Damit erscheint mir im großen die Mannigfaltigkeit des Wert-
schönen erschöpft. Die Typen, welche festzustellen Gelegenheit war,
schließen sich nach den Grundlagenx) der bezüglichen Reaktions-
weisen am besten folgendermaßen zusammen:

1. Die Gewöhnung begründet eine Werthaltungs- und daneben
eine ästhetische Disposition

a) für bestimmte Formen (z. B. gattungsmäßige Schönheit),

b) für Beziehungen (Schönheit des Konsequenten).

2. Was zu einem bestimmten wertgehaltenen Zweck tauglich erscheint,
erhält durch Gefühlsübertragung Wirkungswert und gleichzeitig ästhe-
tische Dignität. (Funktionsausdruck, Schönheit des Zweckmäßigen.)

3. Objekte, für welche uns eine Werthaltung suggeriert wurde,
erhalten durch gleichzeitige Begründung einer ästhetischen Disposition
den Charakter des Ästhetischen. (Die Schönheit dessen, was anderen
und besonders allgemein als schön gilt.)

Bei den Ausgestaltungen des Wertschönen ist noch auf einen
Unterschied hinzuweisen, der in der Kunst eine besondere Rolle spielt.
Hier kann nämlich irgend ein dargestellter Gegenstand ein normge-
mäßer oder anderweitig wertschöner sein; es kann aber auch die Dar-
stellung selbst in den Rahmen der Wertschönheit fallen. In der bil-
denden Kunst ist die erste Art, die Wahl typischer Gegenstände, leichter
zu beobachten; doch braucht nur daran erinnert zu werden, daß tech-
nische Neuerungen, das Aufkommen neuer Formate oder neuer Mate-
rialien anfänglich sehr häufig auf Mißfallen stößt, das erst im Lauf der
Gewöhnung einem oft ganz positiven Gefallen Platz macht, um auch

') Wobei unvermittelte Werthaltungen außer Betracht blieben.
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