Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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XV.

Über den Geschmack.

Von
Thomas Reid.

Übersetzt und erläutert von Walther Franz.

1. Vom Geschmack im allgemeinen1).

Diejenige Kraft des Geistes, durch die wir befähigt sind, die Schön-
heiten der Natur und alles, was es in den Künsten Hervorragendes
gibt, zu bemerken und zu genießen, heißt Geschmack. Der äußere
Geschmackssinn, durch den wir die verschiedenen Arten von Speisen
unterscheiden und genießen, hat die Veranlassung gegeben zu einer
metaphorischen Anwendung seines Namens auf die Fähigkeit, wahrzu-
nehmen, was an den verschiedenen Gegenständen, die wir betrachten,
schön, und was häßlich oder mangelhaft ist. Gleich dem Geschmack
des Gaumens empfindet diese Kraft des Geistes Genuß an manchen
Dingen, Abneigung gegen andere, verhält sich vielen gegenüber gleich-
gültig oder schwankend und steht beträchtlich unter dem Einfluß der
Gewohnheit, der Assoziationen und der Mode. Meine Absicht bei der
Behandlung dieser Eigenschaft als eines intellektuellen Vermögens ist
nur, einige Bemerkungen zu machen zunächst über ihre Natur, so-
dann über ihre Objekte.

1. Bei dem äußeren Geschmackssinn führt uns Vernunft und Nach-
denken dahin, zwischen der angenehmen Empfindung, die wir haben,
und der Eigenschaft in dem Objekt, die sie veranlaßt, zu unterscheiden.
Beide führen dieselbe Bezeichnung und sind daher der Verwechselung
durch das Volk und sogar durch Philosophen ausgesetzt2). Die Sinnes-
empfindung, die ich von einem Körper habe, der Geschmack besitzt,
ist in meinem Geiste; aber in dem Körper ist eine reale Eigenschaft
enthalten, die die Ursache dieser Empfindung ist. Diese beiden Dinge
führen in der Sprache denselben Namen nicht infolge irgend einer
Ähnlichkeit in ihrer Natur, sondern weil das eine das Zeichen des
anderen ist, und weil das gewöhnliche Leben wenig Veranlassung bietet,
sie zu unterscheiden. — Dies ist ausführlich auseinandergesetzt wor-
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