Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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324 THOMAS REID.

den bei der Behandlung der sekundären Eigenschaften der Körper8).
Wir erwähnen es hier nur, weil das innere Geschmacksvermögen in
dieser Hinsicht große Ähnlichkeit mit dem äußeren zeigt. Denn auch
in der Betrachtung eines schönen Gegenstandes können wir das Ge-
fühl des Angenehmen, das er in uns hervorruft, von der Eigenschaft
des Gegenstandes unterscheiden, die dieses Gefühl verursacht. Wenn
ich ein Lied höre, das mir gefällt, so sage ich: es ist schön, es ist
vortrefflich. Diese Vortrefflichkeit ist nicht in mir; sie ist in der Musik.
Aber der Genuß, den sie gewährt, ist nicht in der Musik; der ist in
mir. Vielleicht bin ich nicht im stände, das, was an der Melodie mei-
nem Ohr gefällt, anzugeben — wie ich ja auch nicht im stände bin,
zu sagen, was mir an einem schmeckenden Körper eigentlich gefällt —;
aber es ist eine Eigenschaft in der Melodie, die meinem Geschmack
gefällt, vorhanden, und ich nenne sie ein schönes Lied.

Diese Beobachtung ist umso wichtiger, weil es unter den moder-
nen Philosophen Sitte geworden ist, alle unsere Wahrnehmungen auf-
zulösen in bloße Gefühle oder Empfindungen in der wahrnehmenden
Person, ohne daß irgend etwas diesen Gefühlen in dem äußeren Objekt
entspricht. Nach diesen Philosophen ist keine Hitze im Feuer, kein
Geschmack in dem schmeckenden Körper; vielmehr sind Geschmack
und Hitze einzig und allein in der Person, die sie fühlt4). Ebenso
gibt es keine Schönheit in irgend einem Objekt; sie ist einzig und
allein eine Empfindung oder ein Gefühl in der Person, die sie wahr-
nimmt. Die Sprache und der gemeine Menschenverstand widersprechen
dieser Theorie. Selbst die, welche sie aufstellen, sehen sich gezwungen,
sich einer Sprache zu bedienen, die mit ihr in Widerspruch steht.
Wie diese Theorie in Anwendung auf die sekundären Eigenschaften
der Materie der sicheren Grundlage entbehrt, so ist sie unhaltbar, wenn
man sie auf die Schönheit von Dingen anwendet oder auf irgend eine
derjenigen Eigenschaften, die Gegenstand der Wahrnehmung eines
guten Geschmackes sind.

Sind nun auch einige der Eigenschaften, die einem guten Geschmack
gefallen, den sekundären Eigenschaften der Materie ähnlich, so daß man
sie deshalb verborgene Eigenschaften nennen kann, da wir nur ihre
Wirkung fühlen und nicht mehr Kenntnis von ihrer Ursache haben,
als daß diese von Natur befähigt ist, jene Wirkung hervorzubringen,
— so ist dem doch nicht überall so. In vielen Fällen haben wir ein
klareres Urteil über Schönheit. Ein Kunstwerk kann einem ganz Un-
wissenden, selbst einem Kinde als schön erscheinen. Es gefällt ihm,
aber es weiß nicht, warum. Für jemanden, der es vollkommen ver-
steht und wahrnimmt, wie jeder Teil mit Genauigkeit und Scharfsinn
seinem Endzweck angepaßt ist, ist die Schönheit kein Geheimnis, sie
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