Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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ÜBER KÜNSTLERISCHE WAHRHEIT. 505

Harmonie bestehen, mit der alle seine Elemente zusammenwirken.
Allgemein kann man von der italiänischen im Gegensatze zur nordi-
schen Kunst sagen, daß sie mehr auf Schönheit als auf Wahrheit aus-
gehe. Auch ihre Werke müssen, um wirken zu können, wahr sein,
aber ihre Wirkung liegt nicht in der Wahrheit. Dies gilt bei den
ästhetischen »Elementargegenständen« besonders auch von Sinnesein-
drücken und »Gestalten«, deren ästhetische Wirkung man wohl auf
Wahrheit zurückführen kann, die aber ihrem Eindrucke nach jen-
seits von wahr und falsch stehen. Wahrheit ist also einmal ein ästhe-
tisches Minimum, zum andern aber eine positive ästhetische Kategorie.
Sie ist ein notwendiger Bestandteil der Schönheit, aber einer, dessen
Dasein man zuweilen, wie die Differenzierungen eines als homogen
erscheinenden Keims, nur an seiner späteren Entfaltung erkennt.

Dies Verhältnis ergibt sich schon daraus, daß, wie wir sahen, ja
nicht das Kunstwerk als Ganzes wahr sein kann, sondern nur das
Dargestellte, das Ergebnis des Vorganges, durch welchen wir es
uns aneignen. Das Ganze dieses Vorganges ergibt den Eindruck der
Schönheit. Aber damit dieser Prozeß einsetzen kann, müssen durch
das Kunstwerk Vorstellungen in uns angeregt werden, die psychisch
Existierendem entsprechen, d. h. künstlerisch wahr sind. Insofern
setzt also Schönheit Wahrheit voraus. Je differenzierter der Prozeß
wird, je mehr er aus dem Bereich der Wahrnehmung in das der Vor-
stellungen und Gefühle aufsteigt, um so deutlicher tritt das Element
der Wahrheit in ihm hervor, so daß unter Umständen Wahrheit zur
Hauptwirkung des Kunstwerks werden kann. Wahrheit betrifft den
Inhalt, Schönheit das Ganze der Darstellung, jene nur das Resultat,
diese das Verhältnis der Mittel zu demselben.

Wie aber können, so wird man vielleicht fragen, Begriffe, welche
dem Inhalte nach Korrelate sein sollen, dem Umfange nach verschieden
sein? Ich antworte: Das Ganze der Schönheit trägt als ein notwen-
diges Element (analytisch) die (psychologische) Wahrheit in sich; diese
aber, wenn sie herausgestellt werden soll, spinnt, wie der Seidenwurm,
ein größeres Gewebe aus sich hervor, in dem und an dem sie selbst
sich entwickelt, das aber seinerseits einen eigenen Wert hat, und von
dem sie selbst nur noch ein Teil, wenn auch — vielleicht — der
Hauptteil, der Keim- und Kernpunkt ist

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. I. 33
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