Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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IBSENS ALTERSKUNST. 507

den Urformen seiner Wesensart, und so wurde die ganze Fülle von
Inhalten merkwürdig vereinheitlichter Ausdruck dieser unaufhebbaren
Wesenstragik. Die vier Altersdramen nun insbesondere erscheinen
darum so bedeutsam, weil hier der umfassende Blick des vollendeten
Lebens schaut und weil die Formelemente dieser Kunstwerke, ihre
Psychologie, die besondere Art ihrer Lyrik hervorzusteigen scheinen
aus dem Seelenwesen der Gegenwart, die Ibsen noch innerlich mit-
erleben konnte.

Die Urtragik, die das Oesamtwerk Ibsens offenbart und die die
Altersdichtungen neu beleuchten, ist der Dualismus, der durch all sein
Fühlen und Denken geht. Die Zwiespältigkeit der Weltanschauung,
soweit sie bedeutet, daß neue Gedankeninhalte nicht in Einklang
zu bringen sind mit der von ererbter Kultur bestimmten Art des inneren
Lebens, drängt sich ja in Werken wie »Rosmersholm«, »Baumeister
Solneß« der Beobachtung auf. Um solcher Werke willen heißt Ibsen
gern der Dichter des inneren Zwiespaltes. Ich möchte aber von
solchem Inhaltlichen absehen, von dem Dualismus, der in der Zeit
eines Ringens um neue Kultur fast notwendig gegebener Stoff für den
Künstler ist, und möchte von jener Urform des Gemütes sprechen,
die Ibsen eben all und jedes zwiespältig erfassen läßt. Die großen
unaufhebbaren Gegensätze innerhalb der sittlichen Welt sind auch das
Thema seiner letzten Dramen. Ibsens Kontraste sind keine, die nur aus
innerer Unsicherheit, aus der Beweglichkeit eines Stimmungsmenschen
entspringen •), sondern der Dualismus, der sich aus der eisernen Kon-
sequenz erklärt, mit der jedes Gefühl bis zu Ende erlebt, jeder Ge-
danke bis zu Ende gedacht wird, sodaß der Umschlag ins Gegenteil
notwendig ist. »Haben Sie je einen Gedanken zu Ende gedacht, ohne
auf sein Gegenteil zu stoßen?« sagte Ibsen einem Freund, den Wider-
sprüche in seinen Werken beunruhigten.

Dualistisch ist die Welt Ibsenscher Menschen. Als gleichberech-
tigte Träger des inneren Sinnes der Dramen stehen so oft neben-
einander die schöpferisch Veranlagten und die Unfruchtbaren, Zer-
störerischen; neben den Asketen die Lebensdurstigen und Macht-
verlangenden; die Zweifler und die Nihilisten treten den fanatisch
Gläubigen zur Seite; und in einzelnen Momenten, die immer einen
Höhepunkt in Ibsens Kunst bedeuten, wählen diese inneren Gegen-
sätzlichkeiten als Schauplatz die Seele eines Menschen; es entstehen
dann so großartig komplizierte Gestalten wie Julian Apostata, der,
ein lebendiger Spiegel seiner Zeit, alle Dualismen einer Übergangs-

') Obwohl z. B. der Peer Gynt beweist, wie sehr Ibsen einmal die Möglichkeit
zu diesem allzusehr kultivierten Typus der Jetztzeit in sich geborgen hat.
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