Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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MUSIKANSCHAUUNG DER FRÜHESTEN KIRCHE. 541

gehört, dem Volke unentbehrlich zu sein, da von den zahlreichen
Fäden, die sie früher mit seinem Alltagsleben verknüpften, einer um
den anderen gelöst wurde. So ist das Gebiet des volkstümlichen
Liedes und der volkstümlichen Instrumentalmusik fast gänzlich ver-
ödet, da unsere schaffenden Künstler nur für den Konzertsaal kompo-
nieren und außerdem nichts ängstlicher scheuen als den Vorwurf an-
geblicher Trivialität. Aber auch der Zusammenhang zwischen Musik
und allgemeiner Bildung ist stark gelockert, ja es hat sich geradezu
eine musikfeindliche Strömung gebildet, die diesen vermeintlichen
Luxusartikel in ehrlichem Hasse bekämpft.

Daß die Musik unter diesen Umständen einen guten Teil ihrer
ethischen Wirkung, zumal auf die niederen Volksschichten, einbüßen
mußte, leuchtet ohne weiteres ein. Jene alten Kirchenväter waren
strenge und zum Teil sehr wunderliche musikalische Sittenwächter,
aber Eines verstanden sie (von ihrem klassischen Vorbild Plotin ganz
zu schweigen) doch wohl in acht zu nehmen, nämlich die Ausnützung
der Musik für ihre sittlich-religiösen Ideale und ihren engen Zusammen-
hang mit der allgemeinen Bildung. Nach dieser Richtung hin könnte
selbst unsere moderne gebildete Welt von der Musikanschauung dieser
ihrer Antipoden noch so manches lernen.
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