Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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BESPRECHUNGEN. 515

dem unendlich flüssigen Geisteswogen scharfe Grenzen anzuweisen? Nur wer be-
absichtigt, das Geisteswogen nach seiner Willkür einzudämmen, also Ethisches plant.
Baerwald aber beschreibt als prüfender Psychologe.

Berlin. Max Hochdorf.

Wilhelm Jerusalem, Gedanken und Denker. Wien und Leipzig, Braumüller,
1905. gr. 8°. 292 S.

Das Werk bietet eine Reihe von Aufsätzen, die zum größten Teil schon ander-
weitig gedruckt waren. Es sind Charakteristiken von Personen und Werken und
Abhandlungen über Gegenstände aus dem Interessenkreise der Philosophie. Für
die Leser dieser Zeitschrift kommen besonders zwei Stücke in Betracht: »Franz Grill-
parzer«, das nicht eine Erzählung des Lebens und Schaffens dieses Dichters, son-
dern in systematischer Weise seine Welt- und Lebensanschauung in den Haupt-
zügen darstellt, und »Der Naturalismus in der modernen Literatur« (1890 zuerst
gedruckt). Das Verhältnis des Naturalismus zum Wesen der Kunst ist darin treffend
zum Ausdruck gebracht, wenn auch die Ableitung des Schönen aus der Liebe sehr
angreifbar ist, namentlich bei der schillernden Gestalt, die der Verfasser dem Begriff
»Liebe« gibt. Soweit Liebe Geschlechtsliebe bedeutet, geht das Gefühl der Schön-
heit, das vielmehr ein durchaus eigenartiges ist, nicht aus ihr hervor, wenn auch
beides im Zusammenhange steht. »Erhören der Liebeswerbung« und das Gefühls-
urteil »schön« sind sicherlich zweierlei Dinge. Soweit Liebe aber im allgemeineren
oder auch höheren Sinne als Zuneigung verstanden wird, ist das Gefühlserlebnis
wohl dasselbe wie beim Schönheitsgenuß, nur daß man von Liebe mehr gegenüber
realen Dingen, weniger gegenüber Kunstwerken spricht Mit diesen Einschränkungen
kann man Jerusalem gern darin zustimmen, daß nur solche Kunstwerke echte und
wahre sind, »die um Liebe werben«. Besonders hervorheben möchte ich noch die
an Jerusalem bekannte klare und formgewandte Darstellung, die neben dem fesselnden
Inhalt die Lektüre zu einem Vergnügen macht.

Stade. Hermann Vahle.

Julius Bab, Wege zum Drama. Berlin, Osterheld u. Co., 1906. 67 S. 8°.

Von Zeit zu Zeit kommen ästhetische Flugschriften auf den Markt der Tages-
literatur, die mit pädagogischen Ratschlägen einer Kunst auf den Weg helfen wollen
und vermeinen, daß ihre gute Absicht nun auch wirklichen Nutzen bringen könne.
Von solcher Idee wird auch Julius Bab, ein recht einsichtiger Literat der jüngsten
Generation, geleitet. Wie mir scheint, ohne Grund. Denn schaut man sich genauer
an, was er als Ziel des deutschen Theaters erträumt, eine nicht ganz Begriff ge-
wordene, sondern in Ahnungen mehr stecken bleibende Synthese von Hebbel und
Shakespeare, dann freut man sich der mutigen Forderung, weiß mit ihr jedoch nicht
viel anzufangen. Noch schlimmer ist das, was der Verfasser zu sagen hat über die
jungen Dramatiker, die an das Ziel der Babschen Sehnsucht heranrücken. Er
wertet nämlich — nach meinem Geschmack wenigstens — diese Jungen teilweise
ganz falsch. So deucht ihn, daß in der Art Hugo von Hofmannsthals die Keime
zu einem neuen pathetischen Stile der Tragödie schlummern, und er stützt diese
Behauptung in erster Linie auf seine Wahrnehmung, daß Hofmannsthal den rundesten,
entzündlichsten Sprachausdruck für die Buntheiten des modernen Lebensgeistes sich
erfand. Das ist die maßlose Überschätzung eines kühlen, mit starker Anpassungs-
kraft begabten, aber auch in nichts eigentümlichen und echt leidenschaftlichen Poeten.
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