Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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126 BESPRECHUNGEN.

uns die Formentwicklung der Monstranz und der übrigen heiligen Gegenstände
der katholischen Kirche verstehen.

Die :>Schreinhypothese«, die den roten Faden des ganzen Werkes bildet, be-
währt sich aber auch bei der Erklärung derjenigen Kunsterscheinungen, die mit
dem Madonnenkultus in Verbindung stehen. Vor allem ist ja die Madonna selbst,
die Mutter Gottes, der heiligste von allen heiligen Schreinen, denn ihr jungfräu-
licher Leib war Hülle und Wohnstätte für den heiligsten Inhalt, den es je auf
Erden gegeben hat, für den Heiland der Welt, den eingeborenen Sohn Gottes.

Ohne des weiteren den Gedankengang des Verfassers hier im zweiten Teil ver-
folgen zu können, stellen wir nur fest, daß seine Hypothese auch hier sich als
fruchtbar erweist, neue Gesichtspunkte eröffnet und manche Erscheinungen und
Tatsachen ansprechend erklärt. Von dem Werke Hirns im ganzen kann man sagen,
daß es in besonders hohem Grade das leistet, was jede echte wissenschaftliche
Untersuchung leisten sollte, indem es eine Reihe bis dahin unverstandener oder
nur oberflächlich und mangelhaft erklärter Erscheinungen in helles Licht rückt. Das
Buch Hirns erklärt wirklich etwas in vollem Sinne des Wortes. Wegen dieser
Eigenschaft sollte es nicht allein von Kunstforschern und Ästhetikern beachtet
werden, sondern es dürfte auch für die gebildeten Laien vorzüglich als Kommentar
zu tieferem Verständnis der katholischen Kunst dienen können. Viele alte Kunst-
produkte, an denen man in den Museen und Gemäldegalerien ziemlich teilnahm-
und verständnislos vorbeigewandert ist, werden jetzt interessant, nachdem man einen
Einblick in die Gesinnung und in die Motive gewonnen hat, die dahinter stecken,
und wenn das Werk an und für sich immer noch in unseren Augen ohne höheren
Kunstwert bleibt, so kann es doch jetzt für uns mittelbar bedeutend werden wegen
der menschlich wichtigen Gesinnung und Lebensauffassung, deren Ausdruck es ist.
Auch der klare und schlichte Stil, der eine tiefe Gelehrsamkeit mit Einfachheit und
Übersichtlichkeit der Darstellungsweise glücklich verbindet, macht das Werk auch
für ein größeres Publikum leicht genießbar. Rhetorischer Schwung fehlt freilich;
Hirns Stil ist ruhig und sachlich, ohne bemerkbare Steigerungen und geistreiche
Wendungen. Seine Stärke ist die schlichte Gediegenheit. Aus diesem Buche, wie
auch aus seinen früheren Werken, spricht ein echter Gelehrter, ein Gelehrter in
dem alten guten Sinne des Wortes.

Ich persönlich stehe in den kunstphilosophischen Prinzipienfragen durchaus
nicht in jedem Punkt auf Seiten Hirns. Trotzdem möchte ich das vorliegende Werk
als eine besonders gediegene und an wichtigen Belehrungen reiche wissenschaft-
liche Leistung der Beachtung deutscher Ästhetiker und Kunstforscher bestens emp-
fehlen. Die Übersetzung des Hirnschen Werkes ins Deutsche würde nach meiner
Ansicht für die deutsche kunstwissenschaftliche Literatur eine wesentliche Bereiche-
rung bedeuten.

Helsingfors. ____________ K. S. Laurila.

F. v. Schubert-Soldern, Betrachtungen über das Wesen der Kunst.
Dresden, Gerhard Kühtmann, 1910. 8°. 52 S.
Ein reizendes Schriftchen, das man durchaus mit Interesse und Genuß liest,
auch wo man den Ansichten des Verfassers nicht in allen Einzelheiten zuzustimmen
vermag! Schubert-Soldern geht aus von der Möglichkeit einer zweifachen Kunst-
betrachtung, der historisch-genetischen und der philosophischen, und macht auf das
wissenschaftsgeschichtliche Kuriosum aufmerksam, daß in unserer Zeit der Kunst-
historiker Konrad Lange eine philosophische Theorie vom Wesen der Kunst aus-
gebildet, der Philosoph Wundt dagegen das Werden der Kunst eingehend erforscht
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