Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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474 BESPRECHUNGEN.

transzendentalen Freiheit; die Kunst des Lebens ist, die Einheit des Mannigfaltigen
des Bewußtseins und Handelns, die Abstufung des Objekts nach seinem Werte
(Zweckmäßigkeit) für den transzendentalen Zweck, die oberste Idee und durch diese
einen Maßstab für alle Zwecke und Werte herzustellen« (S. 422). »Kunst ist der
Verkehr, der Austausch der aus dem innersten, göttlichen Leben fließenden Ideen,
welche Prinzipien des Lebens und alles Seienden und Werdens sind« (S. 426). »Die
Idee erzeugt immer die siegende Wesenheit und Einheit, die Gegensätze deren
Alittel: das Gesetz der Einheit ist das oberste oder Zweckprinzip der Kunst; das
Gesetz der Kontraste ist das Prinzip des Mittels und das Postulat des adäquaten
Ausdrucks, die Forderung, daß die Idee nichts anderes sei, als was in den ver-
werteten Mitteln verwirklicht ist, das Prinzip der Beurteilung und Bewertung des
Werkes.« »Dessen Beziehung auf die Totalität soll nicht durch den Begriff oder ein
anderes konventionelles Mittel hergestellt werden, sondern soll durch die Idee,
durch ihr transzendentales Moment gegeben sein. Das sinnliche Mittel ist also un-
mittelbar Träger des unendlichen und freien Selbstbewußtseins« (S. 446). »Regel,
Regelmäßigkeit oder Gesetz sind also Produkte des Rhythmus und seiner transzen-
dentalen Idee (Selbst), nicht dessen Voraussetzung; es sind allgemein gewordene,
ursprünglich subjektive Analysen und Synthesen der postulierten, an-sich-seienden
Bewegung, wodurch diese zur Bestimmtheit, zur Quantität und Qualität kommt«
(S. 451).

Ich frage nun: Was soll ein solches Buch? Wen will der Autor, der offenbar
mit ehrlicher Begeisterung und Ernst ans Werk gegangen ist, überzeugen? Für
jeden Uneingeweihten bleiben seine Ausführungen unverständlich. Und der philo-
sophisch geschulte Leser wird auf Schritt und Tritt von der Unbestimmtheit und
dem unmethodischen Charakter dieses Denkens aufs peinlichste berührt. In dem
Vorwort wird angedeutet, daß dieses Buch keine dogmatischen Resultate, kein
System, keine fertigen Lösungen geben, sondern Probleme stellen, Anregungen
aufzeigen und vor allem befreien will. Ich habe in dem Buche kein Problem ent-
decken können. Ich würde die Fülle erstaunlicher Offenbarungen, die ohne den
geringsten Ansatz eines Beweises, beständig ineinander verfließend, in atemberau-
bender Geschwindigkeit aufeinander folgen, als typisch für einen metaphysischen
Dogmatismus ansprechen, der doch für alle Zeiten überwunden sein sollte. Diese
»kritische Grundlegung der Kulturphilosophie« hat nichts mit einem philosophischen
Kritizismus zu tun. Daher scheint sie mir nicht dazu angetan, zur Wiederbelebung
des »absoluten« Idealismus beizutragen, der, wenn überhaupt, nur auf die behut-
samste und allseitig gesichertste Arl in methodischer Entwicklung unserem un-
gläubigen Zeitalter beizubringen wäre. In dem vorliegenden Werk vermag ich nur
eine willkürliche Auffrischung von Elementen einer vergangenen Spekulation zu er-
blicken.

Berlin. Max Frischeisen-Köhler.

Julius Bab: Kritik der Bühne. Oesterheld & Co., Berlin 1908. 8°. 167 S.

■ Der Titel leitet irre, versteht man unter »Kritik« Prüfung nach bestimmten Maß-
stäben. Das ist's nicht. Der Untertitel: »Versuch zu systematischer Dramaturgie«
deckt schon mehr, verspricht aber weniger, als das reiche Buch hält. Diese Inkon-
lcordanz hängt wohl mit der Entstehung zusammen: eine Anzahl von Einzelaufsätzen,
im Lauf mehrerer Jahre geschrieben, zeigten dem Verfasser schließlich einen organi-
sierenden Mittelpunkt und wurden zu einem Buche gestaltet (nicht geheftet!). Diese
zentripetale Entstehungsart hat gegenüber der zentrifugalen — die von einem Mittel-
punkt aus zur Stellung und Lösung der angrenzenden Probleme fortschreitet — aller-
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