Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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526 HANS REICHEL.

Brentano nicht ausgenommen, hat ihn an Genialität der Assoziation
und Kombination, sprühender Gedankenfülle und funkelndem Bilder-
reichtum übertroffen. Es mag daher nicht ohne Interesse sein, wenn
im folgenden versucht wird, Baaders kunstphilosophische Gedanken
in ihrer besonderen, zum Teil höchst originellen Gestalt der spekula-
tiven Arbeit seiner Zeit einzufügen. Diese Arbeit wird dadurch er-
leichtert, daß seine Äußerungen, so verstreut sie uns überkommen
sind1), doch allesamt aus einer gemeinsamen Grundanschauung ent-
springen, sich daher zu einem einheitlichen System nachträglich recht
wohl zusammenfügen lassen. Ist sich doch Baader — im Gegensatze
zu Schelling — in bezug auf seine Grundanschauungen zeitlebens
gleich und treu geblieben2).

I. Metaphysische Grundlegung.

Baaders Kunstphilosophie — wie die spekulative Ästhetik seiner
Zeit überhaupt — bleibt unverstanden, wenn sie nicht begriffen wird
als auf seiner Metaphysik sich aufbauend. Baader verlangt dies selbst,
wenn er, ein bekanntes Wort Spinozas in seinem Sinne umdeutend,
die Forderung aufstellt, es solle alle Erkenntnis eine Betrachtung sub
specie aeterni sein (XIV, 34; VI, 100).

Baaders Metaphysik ist Philosophie des Absoluten, Ewigkeits-
philosophie. Hierin trifft sich Baader mit Schelling, Hegel und anderen
Zeitgenossen. Ihre spezifische Färbung indessen erlangt Baaders
Metaphysik einmal durch ihren besonders mystischen Einschlag
(Theosophie), zum anderen durch ihre eigenartige Form.

1. Norm und Maß aller Dinge, so lehrt Baader, ist das Ewige.
Ewigkeit ist Vollkommenheit, Vollendung. Der Zustand der Vollendung
kennzeichnet sich durch die Harmonie der Gegensätze, eine Harmonie,
welche bewirkt wird dadurch, daß die Gegensätze in der gemeinsamen

') Quellen und Literatur: Baaders sämtliche Werke, herausgegeben von Franz
Hoffmann u. a. 15 Bände 1851 — 1860 (Anführungsweise: I, 68 = Bd. I, S. 68 der
Sämtlichen Werke); Ciaaßen, Baaders Leben und theosophische Werke im Auszug,
2 Bände, 1SS6/87. Vgl. auch Reichel a. a. O., Separatausgabe S. VII.

Eine spezielle Darstellung hat Baaders Ästhetik bislang nicht gefunden. In den
Gesamtdarstellungen der Geschichte der Ästhetik (Zimmermann 1858, Lotze 1868,
v. Hartmann 1886) sucht man ihn vergeblich. Auch Haym (Romantische Schule
1870, S. 357) erwähnt ihn nur im Vorbeigehen. Anders freilich Ricarda Huch (Aus-
breitung und Verfall der Romantik I, II, 1908), die ihn oft und gern heranzieht.

Nur zum Teil fußt auf Baaderschen Anschauungen die zweibändige Ästhetik
Martin Deutingers (Grundlinien einer positiven Philosophie Bd. IV, 1845, V, 1846).

2) Reichel S. 195.
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