Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BESPRECHUNGEN. 621

die Wirkung äußerer Gegenstände, sondern der Effekt einer Reihe der von ihnen
hervorgerufenen psychischen Erscheinungen.

Lemberg. Sigmund von Lempicki.

Kurt Piper, Künstlertypen und Kunstprobleme. München, R.Piper & Co.,
Verlag, 1910. 8°. 195 S.

Kurt Piper gehört zu den von Detlev v. Liliencron in die Literatur eingeführten
Lyrikern; und seine Gedichtsammlungen (»Waffen und Wunden«, »Fegefeuer«,
»Tellurische Feuer«) haben recht viel Anerkennung und Beifall gefunden. Am
liebsten würde man auch dieses Buch rein als lyrische Leistung betrachten, als
künstlerische Gestaltung bestimmter Gefühle und Stimmungen, Ahnungen und Sehn-
süchte. Aber leider stört der schwer verdauliche und recht verworrene Gedanken-
inhalt. Es sind Gedankensplitter, die der Verfasser uns auftischt, Splitter, die auch
dadurch nicht zu festen Balken werden, daß Piper immerfort an ihnen feilt und sie
von allen Seiten her betrachtet. Ob diese Gedanken wissenschaftlich wertvoll sind,
darüber könnte nur ihre genaue Durcharbeitung entscheiden; in der Form, in der
sie hier geboten werden, kommen sie für die Wissenschaft gar nicht in Betracht.
Ich will sie durch zwei Beispiele zu charakterisieren versuchen mittels Wiedergabe
zweier Stellen, die Piper durch gesperrten Druck besonders hervorhebt: »Die Lebens-
tendenz des Genies ist ein allmähliches schmerzhaftes Sichlosringen vom physischen
Bann, ein prolongierter Todeskampf«; oder »Die Staatsmoral ist ein Geschöpf, ein
Feigenblatt des Körpers, der sich beschönigen mußte, um sich nicht ins Grab zu
schämen, als der Mensch sich eines schönen Tages im Lichte seiner Vernunft er-
blickte und sich selbst vor dem Angesicht seines Schöpfers verkroch«. Derartige
Sätze haben bekanntlich den Vorzug, in irgend einer Hinsicht immer wahr zu sein,
und den Nachteil, in irgend einer Hinsicht immer falsch zu sein; mit ernster Wissen-
schaft haben sie natürlich nichts zu schaffen. Der Verfasser würde dies auch selbst
mit Entrüstung zurückweisen, denn für ihn bedeutet »Ästhetik im reinsten und
höchsten Sinne so gut Kunst wie der Gegenstand ihrer genießenden Betrachtung«.
Darüber läßt sich nun wirklich nicht ernst streiten; und so will ich lediglich an die
treffenden Worte von Karl Stumpf erinnern: »Reine Wissenschaft und reine Dich-
tung dauern ewig weiter, nur die prinzipielle Vermischung führt zum Untergangs
Ein Musterbeispiel dieser völlig verkehrten und gänzlich unfruchtbaren Methode ist
das vorliegende Buch.

Rostock i. M. ___________ Emil Utitz.

Reinhard Piper, Das Tier in der Kunst. München, R. Piper u. Co. G. m. b. H.,
1910. 196 S. mit 130 Abbildungen. Geh. 1,80 M., geb. 2,80 M.
Die Kunst unserer Zeit hat im Gegensatze zu der Kunst vieler älterer, für uns
jetzt historischer Kunstperioden von dem modernen Prinzip einer weitreichenden
Arbeitsteilung Gebrauch gemacht. Während in jenen früheren Tagen jede künst-
lerische Darstellung eines Objekts alles aussagte, was die Mitwelt überhaupt von
dem Gegenstand empfand und auszudrücken verlangte, hat sich seit der Renais-
sance eine reinliche Scheidung vollzogen: Nur die freie Kunst sucht dem Gegen-
stande als solchem, in seiner objektiven Losgelöstheit, gerecht zu werden. Aber alle
die Künste, die auf den Menschen, sein individuelles Gehaben und seine konkrete
Lebensstellung Bezug nehmen, die Architektur und sämtliche Abarten des Kunst-
gewerbes, geben von dem Objekt nur soviel, als es ihr Stil, ihre eigentümliche
Zweckbestimmtheit, jedesmal erfordert. So erscheinen denn in der Gegenwart
zweierlei Weisen von Naturnachbildung, eine »naturalistische« in der freien Kunst
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