Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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626 BESPRECHUNGEN.

Ph. Schweinfurth, Über den Begriff des Malerischen in der Plastik,
Straßburg, J. H. E. Heitz, 1911. 107 S.

Der Verfasser sucht zunächst eine Begriffsbestimmung der Begriffe des Male-
rischen und des Plastischen zu gewinnen, Begriffe, die sich ja nicht mit
Malerei und Plastik etwa decken. Diese letzteren sind Sumniierungen der über-
lieferten konkreten Denkmäler, malerisch und plastisch dagegen sind Anschau-
ungsweisen der Materie auf dem Gesamtgebiet der bildenden Künste. Als das
Plastische wird die rhythmische Wirkung, »das innerhalb der realen drei Dimen-
sionen ein für allemal ponderierte Zusammenspiel aller Teile und Kräfte« empfunden,
als malerisch wird das Momentane der Erscheinung, die atmosphärische Erschei-
nung empfunden. Der plastisch gestaltete Körper wird die Einheit seiner Kräfte
in sich tragen, der malerisch gestaltete wird sie so enthalten, daß sie über seine
eigenen Grenzen hinaus dieselben in das Atmosphärische entlädt, wodurch in diesem
Atmosphärischen eine neue Einheit zustande kommt. Die Einheit der Kräfte und
somit das Formgesetz des Plastischen liegt also im körperlichen Raum — die
des Malerischen im Licht räum. — Nach dieser theoretischen Grundlegung be-
handelt das II. Kapitel das Verhältnis des Plastischen und des Malerischen auf dem
Gebiete der Skulptur. Es wird zunächst an der Kunst des klassischen Altertums
nachgewiesen, wie sich das Plastische und Malerische darin geltend machen. Es
wird dargetan, wie sich im Verlauf der Entwicklung allmählich die Funktionswerte
(im Sinne Hildebrands) über die Raumwerte hinaussteigern und zu ihrer Verein-
heitlichung neuer Raumwerte bedürfen, die nur die von der Malerei gestaltete
Atmosphäre zu bieten vermag. Des weiteren wird auch am Verlauf der Renaissance-
skulptur eine solche Verschiebung des Gestaltungsprinzips dargetan. — In einem
letzten Kapitel wird dann versucht, den Begriff des Malerischen in der Plastik in
Leitsätzen festzulegen, und zwar stellt der Verfasser deren sechs auf, als deren
wichtigster Punkt das Lichtphänomen in der Plastik: Schatten und Licht als
Notwendigkeit und Richtung auf das Malerische zugleich, erscheint. Daran schließen
sich an die Wiedergabe des Unmittelbar-Lebendigen in der gesteigerten Muskel-
behandlung, die Verdeutlichung der Affekte, die Zufälligkeit des Motivs, die Wieder-
gabe des Stofflichen seinem Charakter nach und im Spiele von Licht und Schatten.
— In allem aber vertritt der Verfasser durchaus den Standpunkt, daß der Eintritt
des Malerischen in der Plastik durchaus nicht etwa ein Zeichen der Dekadenz ist.

Man wird den Ausführungen Schwcinfurths in vielem zustimmen können, wenn
man auch z. B. seine Definition des Plastischen zum mindesten sprachlich nicht
wird glücklich nennen wollen, denn es ist immer sehr bedenklich, bildliche Aus-
drücke in eine Definition aufzunehmen, und »Rhythmus« ist hier in einem über-
tragenen und zwar recht vagen Sinne gebraucht. Jedenfalls aber würden die Aus-
führungen, die sich zu sehr an das Objektive halten, sehr gewonnen haben, wenn
der Verfasser auch die psychologische Seife mehr in Betracht gezogen hätte. Kunst
ist im letzten Grunde immer die Beziehung eines Objekts zu einem Subjekte. Das
»Kunstwerk« als solches ist eine Abstraktion, es wird erst zum Kunstwerk, wenn
die Kunstwirkung, wenn auch nur eine potentielle, mit in Betracht gezogen wird.
Die Ästhetik ist nicht so völlig von der Psychologie zu trennen, wie es etwa mit
der Logik möglich wäre, obwohl auch der Logik das mit gewichtigen Gründen be-
stritten wird. So hätte man für eine Definition des Plastischen mit Vorteil das
herangezogen, was neuere Untersuchungen sehr ins Licht gerückt haben, nämlich
die Wirkung auf das Motorische im Beschauer, während das Malerische auf dem
rein Optischen beruht. Sind hiermit auch die Tatsachen nicht restlos zu erklären,
so sind solche psychologischen Erwägungen doch eine wichtige Ergänzung der
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