Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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80 '' RICHARD MÜLLER-FREIENFELS.

Wiederholung eines Motivs gebracht wird, sondern eine gewisse
Variation, so daß jene Mischung von Vertrautheit und Neuheit im
Zuhörer oder Betrachter entstehen muß. Es wird dadurch das Gefühl
der Langeweile hintangehalten, ja oft wird ein anmutiges Versteckspiel
daraus, wie zuweilen in musikalischen Variationen. In allen diesen
Fällen ist es für den Hörer nicht notwendig, daß er sich durch ein
Urteil der Bekanntheit oder Neuheit des Erlebnisses klar wird, es kann
durchaus bei jenem ungefähren Gefühle der Vertrautheit oder Neuheit
bleiben, doch wird in vielen Fällen sich dieses auch zum Urteil des
Wiedererkennen s ausprägen.

Um nun zu den einzelnen Künsten überzugehen, so ist es vor
allem die Musik, die die Wiederholung als Kompositionsfaktor am
stärksten verwendet und damit die hier in Frage stehenden Gefühle
besonders anruft. Meist freilich bleibt es nicht bei der einfachen
Wiederholung, sondern es tritt ein Element der Neuheit hinzu, das
die Wirkung kompliziert. Man bedenke, welche Rolle in den Formen
der Fuge, des Kanons, der Sonate die Wiederholung und Variation
in den verschiedensten Arten spielt. Überall ist das wiederkehrende
Motiv im Hörer von einem eigentümlichen Gefühle der Bekanntheit
begleitet, das sich mit einem Gefühle der Neuheit mischt, wenn das
bekannte Thema in unerwarteter Weise moduliert oder sonst variiert
wird. Die obengenannten Kunstformen ziehen ein gut Teil ihres Reizes
aus solchen Wirkungen. In neuer Weise hat Richard Wagner in seinen
»Leitmotiven« von der Wiederholung Gebrauch gemacht, wo er eine
starke assoziative Wirkung hinzuzieht, indem jedesmal beim Anschlagen
bestimmter Stimmungen das Orchester die Motive angibt, die natür-
lich jedesmal im Hörer ein eigentümliches Gefühl der Vertrautheit
wecken, wodurch oft feinste Wirkungen erzielt werden. Man denke
bloß an die großartige Stelle der Götterdämmerung, wo das Orchester
noch einmal die sämtlichen Motive des ganzen Heldenlebens erklingen
läßt, als die Burgunden den toten Siegfried von dannen tragen. Und
ebenso wie hier das Gefühl der Vertrautheit kann ein eigentümliches
Gefühl der Überraschung anklingen, wenn ein Motiv in unerwarteter
Weise, sei's z. B. nur durch Übergang in ein anderes Tongeschlecht,
variiert wird.

In der Poesie, wo es meist auf ein inhaltliches Fortschreiten an-
kommt, spielt die Wiederholung nicht die gleiche Rolle. Indessen
fehlt diese Wirkung auch hier nicht ganz. Zunächst ist da der Reim
zu erwähnen. Er ist zunächst vor allem ein anmutiges Spiel, durch
das der Klangreiz einzelner Silben sehr verstärkt wird, er dient der
Abgrenzung von Perioden usw., aber stets ist auch ein eigentümliches
Gefühl der Wiederholung bei allen diesen mannigfaltigen Wirkungen,
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