Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 145

hinaus an Lebendigkeit, Beseelung usw. Ein Gesims z. B. wird noch lange wirk-
lich getragen vom Unterbau, wenn es vielleicht schon längst für diese unteren Ge-
schosse drückend wirkt; die Berechnung der äußersten Tragfähigkeit kommt zu
gänzlich anderen Resultaten als die ästhetische Abwägung des Wohlgefälligen^ die
ja vom Visuellen ausgeht in einem fast paradoxen Grade — ein federleichter, aber
großer Frauenhut »erdrückt« eine zierliche Figur, so sagen wir »nach dem Augen-
schein«. Ahnlich steht es auch bei der Formung des ausdrucksvollsten aller Bau-
teile, der Säule: sie bedeutet eine Akzentuierung der wirklichen Vorgänge in ihr
über deren Lebendigkeitsgrade hinaus; der Künstler spürt eben mehr Last an der
Stelle als andere Leute und zeigt auch mehr Wirkungen und Gegenwirkungen, als
die leblose Wirklichkeit nach außen in einer Stütze dort anzeigen würde; er emp-
findet die Lasten mit menschlich körperlichem Maßstab und gibt dem Bauglied
demgemäß z. B. die Entasis, wie sie niemals bei so sprödem Gestein, auch nicht
unter einer ungeheuren Wucht, eintreten könnte. Durch diese Mehrbetonung erst
kommt der Nichtkünstler ästhetisch nachfühlend den wirklichen Vorgängen auf die
Spur. Ein sogenannter »konstruktiver Tisch« ist auch nicht jeder, der wirklich
stehen kann, sondern nur der allein, der eine besondere künstlerische Bearbeitung
aufweist, wodurch er für die Anschauung viel besser, als gerade notwendig ist, und
wie mit kräftigem Behagen stehen zu können scheint.

Nun aber zu unseren Beispielen, die wir ausschließlich unter den Sitzmöbeln
wählen wollen, weil dort der Bezug zur menschlichen Haltung und somit zum
menschlichen Lebensgefühl am allerklarsten ist. Wie der Körperschmuck des Men-
schen eine Akzentuierung der betreffenden Glieder seines Körpers bedeutet und
nicht bloß etwa die Aufmerksamkeit auf den Schmuck selber lenkt, und wie die
Kleidung, die der Mensch trägt und die in den verschiedenen Ländern und Zeiten
verschieden ist, einen Ausdruck seines Lebensgefühls darstellt, d. h. sowohl eine
Folge wie eine Ursache gewisser Stimmungen — genau so ist es mit der weiteren
Umgebung des Menschenkörpers, dem Mobiliar seiner Wohnräume und speziell den
ihm genau auf den Leib passenden Sitzmöbeln. Eine Zeit z. B., die eine so be-
queme Haltung liebt wie die unsere mit ihrer starken Arbeit und Ermüdung, hat
Klubsessel. In denen fühlt man sich gelöst und weich, und das sieht man ihnen
auch schon von weitem an. Oder ein sehr großer Sessel wirkt ernst, weil das
Lebensgefühl des Menschen, der ein so großes Gerät für sich zur Verfügung hat
und gleichsam an sich, um seinen Körper herum, fühlt, gewichtig ist. So ist denn
allerdings sehr deutlich, wie man an der Hand der Sitzmöbel kulturgeschichtliche
Einblicke gewinnen kann, die keineswegs Nebensachen betreffen, sondern sehr zen-
trale Dinge, eben das Lebensgefühl und die täglichen durchschnittlichen Grundstim-
mungen der Zeiten und Völker. Wenn Interna wie Briefe, Tagebücher, Memoiren
ein besonders lebendiges Bild von Menschen geben, so sind hier ähnliche intime
Dokumente. Wir brauchen nicht den Standpunkt Hermann Bahrs zu teilen, daß
es viel wichtiger sei für die Kultur (er meint die der breiteren Massen), gute Möbel
zu machen und so »Schönheit im Alltag« zu erstreben, als Rembrandtsche Bilder
zu malen und den Faust zu schreiben; ohne einzelne »hohe« Werke ist die allge-
meine Hebung des Niveaus in den Niederungen auch nicht möglich; und mancher
mag für wenige Feierstunden viele andere Stunden ertragen, die ihn ästhetisch
nicht befriedigen, wenn sie ihn nur ästhetisch nicht verletzen, sondern in dieser
Hinsicht indifferent lassen. Aber freilich hat das allstündliche Üben eines Sinnes ,
viel für sich; wer täglich eine Stunde Klavier spielt, kommt weiter, als wenn er
alle 6 Tage 6 Stunden übt. Indessen manche von uns sind doch auch schon so
weit, daß sie nicht mehr stündlich an ihrer ästhetischen Erziehung zu arbeiten
Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. VII. 10
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