Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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314 BESPRECHUNGEN.

den Hörer bedrückt, aussprechen und lösen oder sein Ungemach in einen größeren
Zusammenhang einfügen, der ihm das Ungerechte und Vereinzelte nimmt und dem
leidvollen Menschen einen Halt gibt in dem Gefühl, daß auch er noch in den großen
Zusammenhängen stehe, die dort, am Schluß einer Tragödie etwa, metaphysisch an-
klingen usf. Was kann die Kunst nicht, wenn die Empfänglichkeit da ist! Und
Empfänglichkeit braucht auch die Religion, ja sie braucht Gläubigkeit als Voraus-
setzung, sie kann die Anlage zur Religiosität nur entwickeln. Und der Religion
hilft auch die Kunst, »Religion kann ohne Kunst nicht sein«, sagt der Verfasser
selber (er geht damit sogar zu weit, denn Religion kann ohne eine gehobene
Sprache irgend welcher Art vielleicht nur nicht von Mensch zu Menschen über-
mittelt werden, aber Jesus oder auch Mohamed in der Wüste brauchten keine
Kunst, um Religion zu haben!). Jedenfalls hat Religion die Kunst oft genug ge-
braucht; wie will man da scheiden, was die Religion dann tat und was die Kunst.
Das wäre jedenfalls unkünstlerisch und auch unpsychologisch gedacht. Denn was
einmal mit der Kunst in Berührung kam, d. h. ein jeder Gehalt, der wirklich Kunst
geworden ist, der in sie aufgegangen ist, der ist nun mit ihr als Ausdruck so enge
verhaftet, wie nur Geberde und Sinn, Körper und Geist oder Form und Inhalt es
sein können, welch letztere schon logisch untrennbar zusammengehören und er-
kenntnistheoretisch schwer zu trennen sind. Wie will man da sagen, »die Kunst
kann lindern, aber nicht besiegen des Lebens Leid«. Sie kann noch viel mehr, sie
kann Positives auferbauen im aufnehmenden' Menschen. Die Kunst ist keine Salbe
und kein Opiat, sondern Brot. Sie ist auch kein bloßer Schmuck, nicht einmal
immer ein Luxus (was sich mit einer hochgeistigen Auffassung von ihr immer noch
vertrüge). Nur kein Geschmäcklertum! Und in diesem Punkt versagt die vor-
liegende Predigt eben. Wenn ein Mann, der selber eine künstlerische Ader hat
— in eingefügten Gedichten zeigt sich das — und der auf der Kanzel der Kunst
ausdrücklich so große Zugeständnisse macht, an diesem Punkt nicht in die Tiefe
dringt, so liegt es mir freilich fern, von einer Beeinflussung seiner Gedanken pro
domo oder also pro ecclesia zu sprechen, aber — es fehlt etwas! Das große Thema
»Kunst und Religion« kann so nicht ausgeschöpft werden. Das Wort »Geschmack«
schwebt immer noch, ausgesprochen oder nicht, über zu vielen Erörterungen über
Kunst. Der Geschmack ist ja gar nicht die Hauptsache, beim Künstler nicht und
nicht beim Aufnehmenden, noch weniger ist etwa alles Geschmacksache, was man
dafür hält; und Geschmack ist ein gutes Wort für das Gebiet der Kunst, soweit es
Sinnliches zu bezeichnen scheint, aber schlecht, sofern es von einem nicht ästhe-
tischen und ungeistigen Sinn hergenommen ist. Wer nicht weiß, daß das Ernsteste
und Allerheiligste, was das gesamte Leben kennt, auch in der Kunst sein kann, der
kennt das Allerheiligste der Kunst noch nicht.

Berlin-Wilmersdorf. Erich Everth.

Emil Utitz, Die Funktionsfreuden im ästhetischen Verhalten. Halle a. S.,
Verlag von Max Niemeyer, 1911. 8°. VIII und 152 S.
Im vierten Heft des fünften Jahrganges dieser Zeitschrift erschien die Abhand-
lung über »Funktionsfreuden im ästhetischen Verhalten«. Ihr läßt nun der Verfasser
dieses Buch nachfolgen, in dem die — dort kurz skizzierten — Probleme ihre aus-
führliche Darlegung finden und zwar der Art, daß die einzelnen Fragen entwick-
lungsgeschichtlich verfolgt und diesen historischen Auseinandersetzungen systema-
tische Lösungsversuche angereiht werden. Auch lag es in der Absicht des Ver-
fassers, einerseits zu Ansichten, die den seinigen widersprechen, in eingehender
Weise kritisch Stellung zu nehmen, anderseits ein umfassendes Tatsachenmaterial
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