Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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BESPRECHUNGEN. 315

zu sammeln und zu sichten, um künftigen Forschern — ganz abgesehen von Rich-
tungszugehörigkeit — brauchbare Grundlagen zu bieten.

Die Hauptaufgaben, deren Lösung in dieser Arbeit angestrebt wird, lassen sich
etwa am besten durch folgende Fragen kennzeichnen: welcher Art ist der in Rede
stehende Tatsachenkomplex? Handelt es sich dabei um eine einheitliche Erschei-
nung oder um ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren? Welche Bedeutung
kommt den Funktionsgefühlen für das ästhetische Verhalten zu? Finden sie sich
nur innerhalb oder auch außerhalb des Ästhetischen? Oder sind sie vielleicht ein
zwar im ästhetischen Erleben Gegebenes, aber ihm wesensfremdes Moment? Bilden
sie einen nie fehlenden Teil des ästhetischen Verhaltens oder begleiten sie nur
ästhetische Erlebnisse ganz bestimmter Art? Gibt es ästhetische Verhaltungstypen,
!™ denen Funktionsfreuden besonders charakteristisch auftreten? und welche ästhe-
tische Folgen knüpfen sich an das Auftauchen von Funktionsunlust? Das Buch
beginnt aber nicht mit systematischen Untersuchungen. Denn da die Tatsache der
unktionsfreuden nur auf Grund der Kenntnis eines weiten Erfahrungskreises
einleuchtet, und diese erst erworben werden muß, stehen historisch - kritische
"sfuhrungen an der Spitze; nur leiten den Verfasser dabei nicht historische
ei essen, sondern die im Problem schlummernden Möglichkeiten. Soweit sie
1 T"aufe der Geschichte zum Ausdruck gelangen, wird diese herangezogen. Auf
solche Weise erschließt sich uns die allmähliche Entfaltung, des Problems, »wir
nen die zwingenden Gründe kennen, die zu seiner Aufstellung führten, und
uns tauchen alle die Deutungsversuche auf, die mit mehr oder minder Glück
ngestellt wurden. Indem wir nun diesen Pfaden folgen, wird das Tatsachengebiet
nirner schärfer charakterisiert, anderseits immer reicher, und indem wir kritisch
ondernd die Irrlehren ablehnen^ gestaltet sich die Fragestellung klarer und reiner:
a«ch die Tatsache, daß wir so an die Erfahrungen von Jahrhunderten anknüpfen,
erweitert unseren Blick und verhütet, daß wir voreilig verallgemeinern«.
• _ Der erste Abschnitt des Buches beschäftigt sich demnach vornehmlich mit der
ristotelischen Katharsislehre, soweit sie hier in Frage kommt, und den Formen,
,e diese Lehre bei den Auslegern und Fortführern des Aristoteles annahm. Damit
?. der Boden geschaffen für die systematische Behandlung der Frage der Funk-
"onsfreuden auf dem Gebiete der dramatischen Kunst. Auch das Verhältnis der
unktionsgefühle zu den Spannungsgefühlen und zum Erleben des Komischen findet
ler seine Erörterung. Der zweite Abschnitt untersucht dann die Bedeutung der
«nktionsfreuden für die Lehren von Spiel und Kunst, vom künstlerischen Schaffen
und von den Anfängen der Kunst. Der dritte Abschnitt erörtert einige neuere
ormen der Lehre von den Funktionsfreuden, wobei vornehmlich die ganz eigen-
artigen Beziehungen der Einfühlungstheorie zu den hier in Frage stehenden Pro-
emen behandelt werden. Der vierte und letzte Abschnitt gibt die den ganzen
roblemenkreis zusammenfassenden, systematischen Erörterungen, vor allem auch
eine psychologische Tatbestandscharakteristik der Funktionsgefühle. Die Lehre, die
m den Funktionsfreuden den Kern ästhetischen Genießens erblickt, wird als irrig
zurückgewiesen; Herr Utitz sieht in den Funktionsfreuden eine wichtige Hilfsmacht,
dle den ästhetischen Genuß zu bereichern und zu vertiefen, aber auch zu ver-
"ngern, ja aufzuheben vermag. Die bisherige Ästhetik hat — abgesehen von
wenigen Ausnahmen — allzustraff an der Problemstellung: »was ist rein ästhe-
•sches Erleben?« festgehalten, ohne sich darüber genügend Rechenschaft abzulegen,
fh ein. derartiger Zustand auch wirklich vorkommt oder nicht vielmehr eine bloß
heoretische Abstraktion darstellt. Wenn wir den Gesamtbestand des ästhetischen
erhaltens vorurteilslos und sorgfältig durchforschen, dann stoßen wir auf eine
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