Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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322 BESPRECHUNGEN.

notwendig in sich. Gemein ist dem Tragischen und dem Komischen nur die Kon-
flikthaltigkeit.

Die Analyse des Komischen ergibt eine kompliziertere Struktur dieser Grund-
gestalt, als sie beim Erhabenen oder beim Anmutigen sich herausgestellt hatte.
Volkelt legt den Nachdruck auf die Gefühle des Ernstnehmens und Nichternstnehmens,
die als »gefühlsmäßig verdichtete Werturteile« beim Komischen eine Rolle spielen.
Das Ernstnehmen schlägt beim Komischen in das Nichternstnehmen um; gegen-
ständlich bezeichnet: Es wird das Bedeutende zum Nichtigen. Es würde gewiß
manche Schwierigkeit in der Auffassung Volkelts vermieden, wenn er sich ent-
schließen könnte, diese beiden »Haltungen des Bewußtseins«, wie er sie selbst zu-
weilen nennt, auch ausdrücklich und theoretisch als eine Art der Beziehung des Ichs
auf die Gegenstände von den eigentlichen Gefühlen, wie Lust und Rührung und
Verzweiflung, zu scheiden.

Dieser Umschlag der Bewußtseinshaltungen, so führt Volkelt seine Analyse fort,
wird sicher dann nicht komisch sein, sobald irgendwie subjektive oder objektive Ge-
fährdung vorliegt (z. B. ein Mensch, der ausgleitet, kann nur dann komisch wirken, wenn
er sich nicht ernstlich verletzt). Zu diesem Umschlag muß vielmehr noch die geistes-
freie Haltung hinzukommen, ein inneres Darüberhinaussein. Freilich bedürfen diese
Angaben nach Volkelt noch einiger Einschränkungen: was umschlägt, ist nicht der
echte Wert, sondern einzig der Anspruch des Gegenstandes auf Wert; und dieser
Anspruch und seine Aufhebung ist nicht ein Nacheinander, sondern ein Ineinander:
der Wert ist schon an sich ein Unwert und offenbart dies nur erst jetzt. Und auch
das Ernstnehmen ist kein wirkliches Ernstnehmen — es ist nur ein Sichanschicken
dazu, das dann in nichts zusammensinkt. So wertvolle neue Momente in Volkelts
Analyse des Komischen darinstecken, so scheint mir mit ihnen das letzte Wort noch
nicht gesprochen. Beim Betrachten einer Attrappe, eines gefälschten Zehnmark-
stückes, eines schlecht gemalten Bildes, das den Anspruch macht, gut gemalt zu
sein, können alle von Volkelt aufgezählten Erfordernisse erfüllt sein, ohne daß diese
Dinge deshalb komisch zu sein brauchten. — Die Arten des Komischen gliedern
sich einmal nach den Weitgebieten, in denen das Komische vorkommt (intellektuell,
moralisch, religiös usw.). Wichtiger ist die Scheidung in Derbkomisches und Fein-
komisches, je nachdem die Vorstellung des Nichtigen in unabgeschwächter Weise
zu dem Wertanspruch hinzutritt oder nur in der Weise des Infragestellens, des
Zweifels, des Verdächtigens an den Wertanspruch herantritt (S. 400). Als Unter-
arten des Derbkomischen bespricht er das Burleske, das Groteske, das Drollige, das
Possierliche, weist darauf hin, daß gerade wie aus dem Wertanspruch das Nichtige
herausschaut, so auch wieder in der Nichtigkeit ein Wert herausschauen kann (das
goldene Herz etwa), und bespricht als Abarten der feinen Komik die wehmütige,
die rührende, die muntere Komik. Von besonderer Wichtigkeit ist für die Komik,
ob »mit einem komischen Zustand oder Vorgang das Bewußtsein von dieser Komik
derart verbunden, daß durch dieses Bewußtsein die Art des Komischen verändert
und eine neue Stufe des Komischen erzeugt wird. Zum komischen Gegenstand ge-
hört hier also das Bewußtsein vom Komischen, und zwar derart, daß an der Art
der diesem Gegenstand innewohnenden Komik das Bewußtsein vom Komischen
wesentlich mitbeteiligt ist« (S. 432). Dies ist das Subjektiv-Komische — im Gegen-
satz zum Objektiv-Komischen. So hat das Subjektiv-Komische zur Grundlage »die
Erzeugung komischer Zusammenhänge aus betont-individueller Geistesfreiheit heraus«
(S. 445). Nach anderen Richtungen wiederum scheidet Volkelt freiwillige und un-
freiwillige Komik, die Komik der freien und unfreien Art, er bespricht ausführlich
den komischen Konflikt in seinem Wesen, wie in seiner Beziehung zur Weltauf-
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