Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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VIII.

Die homerischen Gleichnisse.

Von
Willy Moog.

III.
Über Wesen und Zweck der Gleichnisse sind die verschieden-
artigsten Ansichten vertreten worden, von denen ich nur einige neuere
hier erwähnen will. Der Hauptfehler der Betrachtung liegt meist
darin, daß man von einem einseitigen Gesichtspunkt ausgeht und nur
eine bestimmte Gruppe von Gleichnissen ins Auge faßt. Man kann
"'e psychologische Entstehung des Gleichnisses im dichterischen Geist
untersuchen oder den Eindruck auf den Genießenden oder die Stel-
lung des Gleichnisses in der Gesamtkomposition des Kunstwerks.
Nach der Richtung, in der sich die Erklärung bewegt, wird auch die
Definition des Gleichnisses verschieden sein müssen. Allgemein psy-
chologisch betrachtet, entsteht ein Gleichnis durch Assoziation, und
zwar der herkömmlichen Einteilung der Assoziationen nach durch
Ahnlichkeits- oder Berührungsassoziation. Bei ausgeführten Gleich-
nissen wird die Beziehung nicht durch eine einfache Verbindung
zweier Vorstellungen hergestellt, sondern es findet gleichsam eine Be-
rührung zweier Assoziationskreise statt. In das Gebiet der eigentlichen
Handlung hinein ragt ein Ausschnitt aus einer anderen Sphäre. Die

eziehung kann (wie bei Maßbezeichnungen, beim Beispiel) eine ganz
gedankliche oder erfahrungsmäßige sein, in der Regel aber beruht sie
auf der Verbindung von Gefühlszuständen und der Gleichartigkeit des

. ühlsuntergrundes. So wird das Gleichnis fast stets Ausdruck
e'nes Gefühls, einer Stimmung. Dieses Gefühlselement kann nun ganz
■m Sinne der objektiv gezeichneten Handlung empfunden sein, oder
es können sich stärkere subjektive Momente des dichterischen Erlebens
geltend machen. So wie die Gleichnisse ihrer Entstehung nach psy-
chologisch verschieden sind, so kann auch ihr Zweck ein verschieden-
erer sein. Das Gleichnis stellt mitunter eine rein gedankliche Be-
ziehung dar, es kann der Verdeutlichung einer Vorstellung dienen, es
kann aber auch den Eindruck einer sinnlichen Empfindung verstärken,
meist jedoch weckt oder steigert es die Gefühls- und Stimmungs-

Zeitschr. f. Ästheük u. allg. Kunstwissenschaft. VII. 23
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