Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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Besprechungen.

Theodor Alt, Die Möglichkeit der Kritik neuer Kunstschöpfungen
und der Zeitgeschmack. Anhang: Die Ästhetik Albrecht Dürers. Mann-
heim, F. Nemnich, 1910. 8°. 119 S.
»Mit Recht erwartet man allgemein von der Ästhetik eine Darlegung von Ge-
setzen des künstlerischen Verfahrens; denn man verlangt gleichfalls von ihr, daß
SIe die prinzipiellen Grundlagen für die kritische Beurteilung der Kunstwerke liefere,
und eine solche ist ohne genaue Kenntnis jener Gesetze nicht denkbar.« Dieser
aatz steht im Vorwort des Altschen »Systems der Künste«, eines gediegenen, ver-
standesklaren, viel zu wenig beachteten Buches, das 1888, also schon vor 24 Jahren
^schienen ist. In den Worten liegt das Programm der normativen Ästhetik mit
rer Doppelaufgabe: Leitung der künstlerischen Produktion und Ermöglichung der
. ' scharf ausgesprochen. Daß aber der Verfasser seither seinen Standpunkt
icht geändert hat, beweist seine jüngste Arbeit, worin er abermals das Recht der
Ästhetik, Normen zu geben, mit Entschiedenheit verficht. Man kann diese Schrift
cht lesen, ohne sogleich von der Überzeugung durchdrungen zu werden, daß es
A't auf ein Doppeltes ankommt, daß sich nämlich mit der allgemeinen, rein philo-
sophischen Absicht, den normativen Charakter der Ästhetik zu begründen, ein kon-
kretes Ziel verbindet, der Wunsch, auf die Extravaganzen und Geschmacklosigkeiten
er »Moderne« aufmerksam zu machen; ja, man empfängt fast den Eindruck, als
Ware diese letztere Intention die ursprüngliche gewesen und als hätte sich der
Verfasser vor allem deshalb über die Zulässigkeit einer nicht bloß von technischen
Gesichtspunkten ausgehenden Kritik so gründliche und ernste Rechenschaft gegeben,
urn diejenigen zu ermutigen, die dem modernen Unwesen gerne entgegentreten
"lochten und dies angesichts der heute beliebten Vorstellungen doch nicht recht wagen.
Denn diese Vorstellungen, denen zufolge jeder Künstler das unbedingte ästhetische
^echt haben soll, so zu schaffen, wie es ihm behagt, und in deren Verkündung
daher die Phrase vom »spezifisch Künstlerischen« eine große Rolle spielt, sind be-
kanntermaßen der Schild für Ungeschicklichkeit und Leichtfertigkeit jeglicher Art.
|Jeht man entsetzt vor einem Machwerke, so kläglich und stümperhaft, daß ein
Schuljunge sich der elenden Arbeit schämen und auf die schlechteste Note nebst
e'ner Strafpredigt des Zeichenlehrers gefaßt sein müßte, so wird einem, falls
man dem Entsetzen Worte leihen will, mit hochernster Miene bedeutet, für seinen
bedanken und seine Stimmung habe der Künstler keinen anderen Ausdruck ge-
unden; Idee und Ausdruck seien eben »spezifisch künstlerisch«. Schlägt der
eschauer die Hände zusammen über dem Unsinn einer Darstellung, die einfach
närrisch erscheint, weil sich die Konzeption des Bildes durch kein im Gegenstande
selbst gelegenes Moment irgendwie rechtfertigen läßt, so werfen ihm der beleidigte
Meister und dessen Anhang wiederum das »spezifisch Künstlerische« an den Kopf,
Ur welches dem dummen Kerl aus dem Publikum immer und überall das Ver-
ständnis mangle. Verbricht ein Lyriker Verse, die noch vor wenigen Jahrzehnten
a Welt als einen Ulk, einen Versuch, scherzweise blühenden Unsinn zu häufen, auf-
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